Land im Kriegskontext: Analyse der Berichterstattung in ukrainischen Medien
20.10.2026
Die Darstellung von Landschäden und ökologischer Zerstörung in ukrainischen Medien ist Gegenstand einer neuen Untersuchung, an der Nataliia Miroshnyk, Fellow am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) beteiligt war. Die Analyse zeigt, dass ‚Land‘ in der Berichterstattung über die russische Invasion seit 2022 eine zentrale Rolle spielt. Während wissenschaftliche Debatten oft strategische Aspekte betonen, thematisieren Medien ‚Land‘ als Lebensraum, Gefahrenzone und Teil nationaler Identität. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Bodenressourcen in der internationalen Konfliktpolitik stärker zu berücksichtigen.
Ein Fazit der Forschenden ist, dass die Medien eine Schlüsselrolle bei der Berichterstattung über die durch militärische Aktivitäten verursachten Schäden an Land und Ökosystemen spielen – insbesondere im Hinblick auf die anschließende wirtschaftliche und wissenschaftliche Bewertung. Für diese machen die Berichte Risiken sichtbar, die oft auf technologischem und wissenschaftlichem Fachwissen basieren.
Außerdem belegt die Studie, dass ukrainische Medien ‚Land‘ in einer Doppelfunktion darstellen: Einerseits als essenzielle Grundlage, auf der Menschen und nicht-menschliche Lebewesen existieren. Andererseits wird ‚Land‘ als Raum dargestellt, in dem Gefahren lauern – etwa durch Minen oder chemische Verunreinigung.
Methodik: umweltbezogene Diskursanalyse
Die Ergebnisse basieren auf einer Diskursanalyse der Berichte in ukrainischen Medien seit Beginn der Invasion durch Russland im Jahr 2022. Wie die Zerstörung und die potenzielle Wiederherstellung von ‚Land‘ thematisiert wird, lag dabei im Fokus. Das Team konzentrierte sich auf die sprachlichen Muster und Bedeutungsebenen, mit denen die physische Umwelt im Kontext des bewaffneten Konflikts beschrieben wird. Damit konnte die Differenz zwischen der rein strategischen Betrachtung von Territorien und der ökologisch-sozialen Wahrnehmung von ‚Land‘ herausgearbeitet werden.
Identität, Zeitlichkeit und das nicht-menschliche Opfer
Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist die Verknüpfung von ‚Land‘ mit kollektiver Identität und nationaler Geschichte. „Unsere Studie zeigt auf, dass ‚Land‘ in der öffentlichen Wahrnehmung mehr ist als eine strategische Fläche oder ein geografischer Raum“, sagt Nataliia Miroshnyk. „‘Land‘ wird als lebendiges Medium begriffen, das sowohl die Wunden des Krieges speichert als auch die notwendige Basis für den künftigen Wiederaufbau und die nationale Identität bildet.“ So wird ‚Land‘ in den Medien nicht nur als physische Fläche, sondern als Medium begriffen, das kriegsbedingte Schäden in die Zukunft überträgt. Gleichzeitig wird in den Diskursen das Potenzial für eine ökologische Erholung thematisiert.
Auffällig ist zudem die Darstellung des ‚Landes‘ als eigenständiges, nicht-menschliches Kriegsopfer. Während sich die wissenschaftliche Debatte häufig auf strategische Territorien konzentriert, rücken die Medien die Vielfalt der Bedeutungen hervor, die ‚Land‘ für die Gesellschaft und die Umwelt besitzt. Die Ergebnisse legen deshalb nahe, dass die Dimension ‚Land‘ in der internationalen Politik und Analyse bewaffneter Konflikte künftig eine höhere Priorität erhalten sollte.
Publikation:
Vorbrugg, A., Volosko, M., Grabovska, T., Miroshnyk, N., & Polianska, K.: Disrupted Lands and Discursive Shifts: Land in Ukrainian Media After russia’s Full-Scale Invasion. Global Studies Quarterly, 2026. https://doi.org/10.1093/isagsq/ksag109

