Transformative Wissenschaft in Zeiten des Rechtsrucks
02.11.2026
Der Rechtsruck in der Gesellschaft verändert die öffentlichen Diskurse und setzt die transformative Nachhaltigkeitsforschung immer stärker unter Druck. Daher hat das RIFS, aufbauend auf der Konferenz „Tough Conversations in Tough Times“ im Dezember 2025, mit dem Dialogforum einen Raum für Austausch und gemeinsame Reflektion geschaffen. Im Mittelpunkt standen die Fragen nach der Resilienz der Nachhaltigkeitsforschung sowie ihrer Rolle, Verantwortung und Handlungsoptionen.
Drei Inputs aus Politik, Medien und Wissenschaft
„Die Wissenschaftsfreiheit gehört zu den Grundpfeilern unserer Demokratie, denn sie ermöglicht unabhängige Erkenntnis und kritische Auseinandersetzung“, sagt RIFS-Direktorin Doris Fuchs über Hintergrund und Motivation für das Dialogforum. „Durch eine zunehmend feindselige Stimmung gegenüber Forschenden und ihren Erkenntnissen gerät diese Freiheit insbesondere für die Nachhaltigkeitsforschung in Gefahr.“
Das Forum wurde mit Inputs von Tobias Dünow, Staatssekretär im Brandenburger Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dem Wissenschaftsjournalisten Jan-Martin Wiarda und Susanne Buiter, Direktorin des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung, eröffnet.
Tobias Dünow erklärte die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit zu einer zentralen Aufgabe der Wissenschaftspolitik, denn eine freie Gesellschaft sei nur mit einer freien Wissenschaft möglich. Feinde der Wissenschaft diskreditierten wissenschaftliche Fakten als bloße Meinungen, dem müsse die Politik entgegentreten. „Wissenschaft und Politik sind vielfältig aufeinander angewiesen“, sagte Dünow. „Zugleich unterliegen sie ganz unterschiedlichen Logiken und sind ganz anders legitimiert. Politik darf nicht Wissenschaft ersetzen. Und Wissenschaft nicht Politik“.
Martin Wiarda beschrieb, wie der Rechtspopulismus Politik und Gesellschaft beeinflusst, auch ohne Gesetze zu verändern oder Gelder zu streichen. Der Diskurs im gesamten politischen Spektrum verschiebe sich durch den Erfolg rechtspopulistischer Parteien. Die AfD greife paradoxer Weise die Wissenschaftsfreiheit im Namen der „Wissenschaftsfreiheit“ an und fordere eine „unpolitische Wissenschaft“. Diese Forderung sei jedoch selbst „hochpolitisch“. Die Nachhaltigkeitsforschung hinterfrage die Konsequenzen unseres Lebensstils und müsse deswegen politisch unbequem, aber auch im Dialog bleiben.
Beide forderten die Nachhaltigkeitsforschenden auf, anderen Perspektiven gegenüber offen zu bleiben. Den politischen Kurs bestimme die Mehrheit, die sich in Wahlen manifestiere. Darauf müssten neue Antworten gefunden werden.
Susanne Buiter sah es als eine große Stärke, dass die Politik in Brandenburg hinter die Forschung steht. Das allein reiche aber nicht aus. Es brauche auch Solidarität mit den Forschenden und zwischen Einrichtungen. Die Solidaritätsbekundung „Freie Wissenschaft stärkt Brandenburg“ sei daher wichtig, müsse aber mit Leben gefüllt werden. In der Helmholtz-Gemeinschaft habe die Diskussion zur Resilienz mit der Einrichtung einer Stabsstelle Sicherheits- und Resilienzforschung in der Geschäftsstelle Fahrt aufgenommen. Für die Nachhaltigkeitsforschung am RIFS, das als Teil des GFZ in Helmholtz verankert ist, sei die Helmholtz-Gemeinschaft eine Art Schutzschirm.
Vier Thementische
Nach den drei Inputs diskutierten die Teilnehmenden in kleineren Gruppen an vier Thementischen über Wissenschaftsfreiheit und Finanzierung, die Agenda der Nachhaltigkeitsforschung in Zeiten des Backlash, über Diversität und den Schutz vulnerabler Gruppen und die Rolle transformativer und transdisziplinärer Forschung. Die Teilnehmenden empfanden den Austausch als äußerst fruchtbar, vor allem weile er auch über Institutsgrenzen hinweg ging, und wollen diesen gerne fortführen.
„Auf unserem Dialogforum ist deutlich geworden, wie sehr die aktuellen politischen Entwicklungen die Nachhaltigkeitsforschung beschäftigen. Wissenschaftsfreiheit ist unverzichtbar, um Antworten zu finden, wie eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Zukunft gestaltet werden kann“, fasst Franziska Mey, Leiterin der Forschungsgruppe Demokratisches Regieren und Handeln, zusammen . „Allerdings müssen wir uns dafür auch selbstkritisch mit unserer Rolle und Verantwortung auseinandersetzen.“
Discussion Paper: Der Backlash gegen Nachhaltigkeitstransformationen
Durch alle Diskussionen auf dem Dialogforum zog sich die Erkenntnis, dass der Backlash gegen Nachhaltigkeitstransformationen eng mit Fragen von Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Polarisierung und rechtsextremer Mobilisierung verwoben ist. Zu diesen Fragen ist parallel zum Dialogforum ein RIFS-Discussion Paper erschienen, das für eine Forschungsagenda plädiert, die sich kritisch mit den sehr dynamischen Herausforderungen des Backlashs auseinandersetzt.
Publikation: Nachhaltigkeitstransformationen: Auswirkungen, Strategien und die Rolle der Forschung – Ein Diskussionsbeitrag im Nachgang der RIFS-Konferenz „Tough Conversations in Tough Times“; Autor:innen: Julia Plessing, German Bersalli, Franziska Mey; RIFS-Dicussion Paper Oktober 2026


