Leitfaden zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung des Ozeans
12.05.2026
Die Wechselwirkungen zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten von Meeresnutzung und -schutz sowie Ansätze für eine nachhaltige Meeres-Governance sind Thema des Buchs „The Elgar Companion to Ocean Governance and the Sustainable Development Goals“. Es wurde von Barbara Neumann und Ben Boteler vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) mit Daniela Diz vom Lyell Centre der Heriot-Watt Universität in Edinburgh herausgegeben. Das Buch ist ein Leitfaden für politisch Entscheidungstragende, Forschende, Praktizierende und alle, die sich für den Schutz und die nachhaltige Nutzung des Ozeans engagieren.
Die Herausgebenden betonen in ihrem Kapitel die zentrale Rolle der Ozeane für die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und die Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen. Seit dem Verabschieden der Agenda 2030 im Jahr 2015 wurden zwar einige Meilensteine erreicht – auch für das Ozean-Ziel SDG 14 „Leben unter Wasser“, doch weitere Herausforderungen warten: Die Folgen des Klimawandels und der Verlust der biologischen Vielfalt setzten die Meeresökosysteme verstärkt unter Druck, die Plastikverschmutzung bleibe weiterhin unkontrolliert und Finanzierungsdefizite behinderten, dass globale Ziele und Vorgaben umgesetzt werden.
Eine fragmentierte Governance – das vom Menschen entwickelte System aus Regeln, Institutionen, Prozessen, Instrumenten und Akteuren, um den Schutz und die Nutzung der Meere zu steuern – erschwere koordinierte und effektive Maßnahmen, so die Forschenden. Verstärkte Bemühungen, eine auf Wissen und Erkenntnissen gründende Politik seien entscheidend, um die SDG‘s zu erreichen und den Ozean für künftige Generationen zu bewahren.
Im einführenden Kapitel des Buchs "The Elgar Companion to Ocean Governance...", das die globale Meeres-Governance im Kontext der SDGs analysiert, heben die Forschenden hervor, dass der Ozean nicht als „unendliche Ressource“ betrachtet werden darf, vielmehr als komplexes System, in dem die Meeresumwelt eng mit menschlichen Aktivitäten und planetarischen Grenzen verbunden ist. Die enge Verbindung von Land und Meer wird betont beispielweise in Bezug auf Verschmutzung und, dass Meeresschutz nur gelingen könne, wenn vorangestellte Einflussfaktoren „von der Quelle bis zu Mündung“ („Source-to-Sea“) berücksichtigt würden. Zudem sei eine ganzheitliche Bewirtschaftung durch den ökosystemorientierten Ansatz dringend erforderlich, um Meeresökosysteme und ihre Funktionen zu schützen.
Die Einführung der Agenda 2030 und insbesondere des SDG 14 – erstmals wurde der Ozean im Rahmen einer globalen Entwicklungsagenda gezielt berücksichtigt – markierten einen paradigmatischen Wandel, doch Umsetzung und Zielerreichung blieben mit Lücken behaftet und ungleich verteilt.
Eine Auswahl an Fortschritten:
- Internationale Abkommen: Das nach über 20 Jahren Verhandlungen 2023 verabschiedete und 2026 in Kraft getretene UN-Hochseeschutzabkommen regelt erstmals den Schutz mariner Biodiversität jenseits nationaler Hoheitsgewässer.
- Globaler Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal: Mit dem „30x30“-Ziel – das bedeutet 30 Prozent marine Schutzgebiete bis 2030 – wird der Schutz mariner Ökosysteme systematisch vorangetrieben. Weitere Ziele des GBF in Bereichen wie marine Raumplanung, Ökosystemwiederherstellung und nachhaltige Fischerei sind für Meerespolitik und SDG 14 ebenso von Bedeutung.
- Globales Plastikabkommen: Seit 2022 wird unter dem Dach des UN-Umweltprogramms über ein internationales Abkommen zur Bekämpfung der Verschmutzung und Vermüllung der Umwelt durch Plastik verhandelt, einschließlich der Meere. Auch wenn bislang noch keine Einigung getroffen werden konnte, so ist der Prozess angestoßen worden.
- Erklärung von Nizza: Mit der Abschlussdeklaration der UN-Ozeankonferenz 2025 in Nizza (“Nice Declaration“) bekennen sich über 170 Staaten zu mehr Engagement für die Meere, unter anderem durch die Ausweisung von Meeresschutzgebieten und die Dekarbonisierung der Schifffahrt.
Eine Auswahl an Herausforderungen:
- Klimawandel: Der Klimawandel verstärkt den Druck auf marine Ökosysteme und gefährdet die von ihnen bereitgestellten Ökosystemdienstleistungen – und damit die Lebensgrundlage der Küstenbevölkerung. Eine unzureichende Integration von Handlungsfeldern wie Klimaschutz und Meeresschutz stellen die Meeres-Governance vor Herausforderungen.
- Verschmutzung: Plastik-, Nährstoff- und Schadstoffbelastung überschreiten kritische Schwellen, und es fehlt nach wie vor ein abgestimmter globaler Regulationsrahmen, mit dem die Meeresverschmutzung eingedämmt und verhindert werden könnte.
- Governance-Fragmentierung: Mehrschichtige und nicht aufeinander abgestimmte Regelwerke, beispielsweise in den Bereichen Fischerei, Handel, Schifffahrt, Tiefseebergbau und Meeresschutz, führen zu Unstimmigkeiten bei der Umsetzung von Mandaten und bei globalen Vorgaben sowie zu einer uneinheitlichen Bewirtschaftung.
- Finanzierungslücken: Für SDG 14 werden im Vergleich zu anderen Nachhaltigkeitszielen deutlich geringere Finanzmittel eingesetzt.
Künftige Ansatzpunkte:
- Governance: Verbesserte Koordination und Kohärenz bei der Umsetzung politischer Ziele, beispielsweise mittels polyzentrischer Ansätze, die lokale, regionale und globale Ebenen verknüpfen. Integration von Meereszielen in andere Handlungsfelder wie Klima- und Biodiversitätsstrategien als auch Wissenschaft und indigenes Wissen stärker einbeziehen.
- Gerechtigkeit: Umfassende Partnerschaften mit Entwicklungsländern, kleinen Inselstaaten (Small Island Developing States) und generell Länder des Globalen Südens, indigene Völker und lokale Bevölkerung besser in Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse einbinden.
- Technologie & Wissenschaft: Technologien wie „Digitale Zwillinge“ und satellitengestützte Überwachung fördern; den Wissensaustausch zwischen Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft forcieren über eine Internationale Plattform für Meeresnachhaltigkeit.
- Langfristige Ziele: Weiterführen der Agenda 2030 und SDGs auch nach 2030 als Leitfaden für die globale Zusammenarbeit, mit angepassten Zielen und definierten Zwischenschritten, um eine effektive globale Meeres-Politik und -Governance zu gewährleisten.
Die Forschenden Neumann, Boteler und Diz weisen in ihrem Kapitel darauf hin, dass der Ozean nur durch kooperative, inklusive und systemisch denkende Ansätze bewahrt werden könne – ein Appell an die internationale Gemeinschaft, die verbleibenden Jahre bis 2030 intensiv zu nutzen und einen nachhaltigen Kurs für heutige und künftige Generationen einzuschlagen.
480 Seiten und 22 Kapitel
Die folgenden 21 Kapitel wurden von internationalen Expertinnen und Experten verfasst und stellen innovative Ansätze vor, mit denen der Meeresschutz ebenso wie eine nachhaltige Fischerei, blaue Wirtschaft des maritimen Raums oder die Meeresraumplanung gefördert werden können. Ebenso wird die Bedeutung von Wissen, Forschung und Technologie hervorgehoben für eine fundierte Entscheidungsfindung und die Entwicklung wirksamer Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen. Anhand von praktischer Beispielen werden die verschiedenen Themen und Lösungsansätze greifbar gemacht, um das Erreichen von SDG 14 und von Nachhaltigkeit im Allgemeinen zu unterstützen.
„Das Buch soll ein Leitfaden für Politik, Wissenschaft und Praxis sein – und für alle, die sich für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Ozeane interessieren und engagieren“, sagt Herausgeberin Barbara Neumann vom RIFS in Potsdam. „Es bietet einen kritischen Überblick zum aktuellen Stand der Meeres-Governance. Wir identifizieren Handlungsfelder und stellen innovative Ansätze vor, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 und darüber hinaus zu erreichen. Wir diskutieren aus Sicht der Nachhaltigkeit schwierige Themen wie Tiefseebergbau oder marines Geoengineering und beleuchten Fragen der Gerechtigkeit – für uns Menschen genauso wie für die Meeresnatur. Durch die Verknüpfung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit praxisrelevanten Beispielen möchten wir mit dem Buch dazu beitragen, eine nachhaltige Zukunft für unseren Ozean zu gestalten - und vor allem für die Menschen, die von und mit den Meeren leben!“
„Dieses Buch beleuchtet die Herausforderungen der Meeres-Governance in entscheidenden Bereichen, die für das Erreichen von SDG 14 von Bedeutung sind, und bietet gleichzeitig lösungsorientierte Perspektiven zur Bewältigung dieser Herausforderungen“, sagt Herausgeberin Daniela Diz vom Lyell Centre in Edinburgh. „Angesichts der jüngsten Entwicklungen in der internationalen Politik und im Recht im Bereich der Meeresumwelt – von der Verabschiedung des GBF im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt über das Inkrafttreten des BBNJ-Abkommens bis hin zur Erklärung von Nizza, die die internationale Verpflichtung zur Zusammenarbeit beim Schutz und der nachhaltigen Nutzung der Meere bekräftigt – erscheint diese Publikation äußerst zeitgemäß. Wir hoffen, dass dieses Buch Entscheidungstragende und alle Akteure in der Gesellschaft dazu inspirieren kann, politische und rechtliche Verpflichtungen ganzheitlich umzusetzen, um den Verlust der marinen Biodiversität zu stoppen und umzukehren. So können gesunde marine Ökosysteme überall auf dem Planeten zur Norm werden.“
"Das Buch vereint die Ideen namhafter Expertinnen und Experten aus dem Gebiet der Meeres-Governance. Es ist eine hervorragende Quelle für alle, die mehr über mögliche Lösungen zur Bewältigung dringender Herausforderungen im Bereich des Meeresschutzes und der nachhaltigen Nutzung der Meere erfahren möchten", sagt Mit-Herausgeber Ben Boteler vom RIFS. „Je näher wir dem Jahr 2030 kommen, desto wichtiger wird das Handbuch als Ideengeber und Motivator – sowohl für Studierende am Anfang ihrer Karriere als auch für erfahrene Fachleute. Wir hoffen, dass es noch viele Jahre lang eine Quelle der Inspiration bleiben wird.“
Publication:
Neumann, B., Diz, D. und Boteler, B.: The Elgar Companion to Ocean Governance and the Sustainable Development Goals, Cheltenham/ Northampton, Edward Elgar Publishing Ltd., April 2026. ISBN: 978 1 80392 356 7.


