Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Breite Zustimmung für weniger Durchgangsverkehr in Berliner Wohnvierteln

17.08.2026

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Berlinerinnen und Berliner Maßnahmen zur Begrenzung des Durchgangsverkehrs und zur Umgestaltung des öffentlichen Raums in Wohnvierteln grundsätzlich befürworten. Die Befragung, die von der Medizinischen Fakultät Mannheim an der Universität Heidelberg und dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) durchgeführt wurde, analysiert die Unterstützung von sogenannten Kiezblock-Maßnahmen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Einrichtung von mehr Grünflächen und sicheren Verkehrsräumen mehrheitlich begrüßt wird.

Kiezblocks Wohngebiete
Kiezblocks sollen mit Einbahn- und Fahrradstraßen, Fußgängerbereichen und Umleitungen gewährleisten, dass Wohngebiete von Kfz-Verkehr befreit werden. Dadurch steigt die Sicherheit, Straßenraum kann entsiegelt, neue Grünflächen sowie Orte der Begegnung entstehen.


Die Ergebnisse der Klimakieze-Studie belegen eine moderate bis hohe Zustimmung zu verkehrsberuhigenden Maßnahmen in Wohngebieten. „Um sowohl die politische Debatte als auch die evidenzbasierte Planung und Umsetzung von Kiezblock-Maßnahmen in Kommunen zu untermauern, haben wir die öffentliche Wahrnehmung von häufig umgesetzten Maßnahmen unter den Bewohnern von Wohnvierteln in Berlin untersucht“, sagt Dirk von Schneidemesser, Forschungsgruppenleiter am RIFS. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unterstützung für Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung breiter verankert ist, als es die öffentliche Debatte oder die Medienberichterstattung oft vermuten lassen, denn es besteht ein deutliches Interesse an der Umgestaltung des öffentlichen Raums zugunsten von besserer Luftqualität, mehr Lebensqualität und Sicherheit in Wohnvierteln.“

Breite Unterstützung für die Umgestaltung des Stadtraums

Die Befragung zu 13 spezifischen Maßnahmen ergab Zustimmungswerte zwischen 61 und 88 Prozent. Zu den favorisierten Veränderungen gehören unter anderem das Schaffen von Platz für soziale Interaktion, das Einrichten von kleinen öffentlichen Plätzen sowie die Umgestaltung von Parkflächen in Grün- oder Multifunktionsflächen.

Diese Maßnahmen, die in verschiedenen europäischen Städten unter Namen wie „Superblocks“ in Barcelona, „Low-Traffic Neighborhoods“ in London oder „Kiezblocks“ in Berlin bekannt sind, zielen darauf ab, den Durchgangsverkehr zu reduzieren. Dazu zählen beispielsweise Umleitungen, Einbahnstraßen oder Schulzonen. Aber auch die Umwidmung von öffentlichem Raum, der zuvor für den motorisierten Verkehr genutzt wurde, um die lokalen sozialen und ökologischen Bedingungen zu verbessern, etwa durch Fußgängerzonen oder Grünflächen. Solche Interventionen können die Verkehrssicherheit erhöhen, die Luftqualität verbessern, den Lärm reduzieren und somit die Gesundheit als auch das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung steigern.

Einfluss von Mobilitätsverhalten und Demografie

Die Studie identifizierte zudem Faktoren, welche die Akzeptanz der Maßnahmen beeinflussen. Eine höhere Unterstützung wurde bei Personen festgestellt, die eine aktive Mobilität wie Gehen oder Radfahren praktizieren, eine ausgeprägte Verbindung zur Natur pflegen oder in Haushalten mit Kindern leben.

Demgegenüber korreliert eine intensive Nutzung des motorisierten Individualverkehrs sowie ein höheres Alter negativ mit der Zustimmung zu den vorgeschlagenen Maßnahmen. Dies deutet darauf hin, dass die Einstellung zur städtischen Verkehrsgestaltung eng mit den persönlichen Mobilitätsgewohnheiten und Lebensumständen verknüpft ist, was die Notwendigkeit für gezielte Kommunikation und partizipative Ansätze unterstreicht.

Die erhebliche öffentliche Zustimmung zu Superblock-Maßnahmen – selbst wenn potenzielle Nachteile wie weniger Parkplätze ausdrücklich thematisiert wurden – belegt, dass die gesellschaftliche Polarisierung hinsichtlich der Förderung gesünderer und nachhaltigerer Mobilitätssysteme geringer sein könnte als oft angenommen. Studienautor von Schneidemesser: „Aktionen mit besonders hoher Zustimmung, wie beispielsweise neue Grünflächen und erhöhte Sicherheit, insbesondere für Schulkinder, stellen ‘Quick Wins‘ für politisch Entscheidungstragende und Kommunalverwaltungen dar. Dies zu priorisieren kann Anwohnern greifbare Vorteile bringen, was möglicherweise eine breitere Unterstützung der Mobilitätswende fördert.“

Die angewendete Methode

Eine zufällige Stichprobe von 10.657 Einwohnern im Alter ab 18 Jahren wurde aus dem Bürgerregister gezogen und eingeladen, die Umfrage online oder auf Papier in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch oder Russisch auszufüllen. Daraus ergaben sich Antworten von 1.480 Erwachsenen in vier Berliner Wohnvierteln, die sie im Zeitraum zwischen September 2024 und Mai 2025 abgaben. Dabei wurden zwei Berliner Stadtteile mit bereits geplanten Kiezblock-Maßnahmen - die Nördliche Luisenstadt und der Antonkiez - mit zwei vergleichbaren Vierteln ohne solche Planungen verglichen - dem Stephankiez und Westfälischen Viertel. Die Zustimmung wurde mittels Likert-Skalen mit sechs Punkten, die von "extrem negativ" bis "extrem positiv" reichten, ermittelt und Zusammenhänge zwischen Akzeptanz und verschiedenen soziodemografischen sowie mobilitätsbezogenen Merkmalen mittels linearer Regression analysiert.

Publikation: 

Lünow, Nicole, Andrea Sarafoglou, Dirk von Schneidemesser, Luis Nacken, Immo Janssen, and Michael Eichinger: “Public Support for Limiting Through-Traffic and Reallocating Public Space in Four Residential Neighborhoods in Berlin and Its Correlates: Results from the KlimaKieze Survey.” Findings, July 24, 2026. DOI:10.32866/001c.164948.

Kontakt

M. A. Sabine Letz

Referentin Presse
sabine [dot] letz [at] rifs-potsdam [dot] de

Dr. Dirk von Schneidemesser

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
dirk [dot] vonschneidemesser [at] rifs-potsdam [dot] de
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