Amazonas Regenwald: Studie analysiert globale Steuerung durch Kohlenstoff-Metriken
06.11.2026
Eine Studie des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) zeigt, dass der Amazonas-Regenwald zunehmend als entscheidende Region für die planetare Gesundheit bewertet wird. In ihrer Studie beleuchtet Wissenschaftlerin Maria Cecilia Oliveira, wie internationale Finanzströme und digitale Überwachungssysteme eine neue Form der Governance etablieren, die den Wald primär als globale Kohlenstoffsenke definiert und lokale Realitäten in den Hintergrund rückt.
In ihrer Analyse, veröffentlicht in einer Sonderausgabe von „Global Environmental Politics“, erläutert Oliveira, Forschungsgruppenleiterin am RIFS, eine Verschiebung bei der Governance des Amazonasgebiets: Während die Region früher als souveränes Territorium der Anrainerstaaten und als Ressourcenquelle betrachtet wurde, gilt sie heute als zentrales Element der planetaren Klima- und Ressourcen-Governance. Dadurch sei, so Oliveira, ein „transterritorialer Raum“ entstanden, geprägt von Kräften, die über Ländergrenzen und politische Bereiche hinweg wirken.
In einem solchen Bereich operiere Macht nicht mehr ausschließlich über nationale Grenzen, sondern durch länderübergreifende Ströme von Kapital, Daten und wissenschaftlichen Kennzahlen. „Dass der Amazonas-Regenwald nur noch als Reservoir für Kohlenstoff betrachtet wird, ist bei dieser Gewichtung das Risiko,“ sagt Autorin Cecilia Oliveira – „die sozio-ökologischen Realitäten der Menschen vor Ort werden unsichtbar und zugleich werden bestehende Machtstrukturen unter dem Deckmantel des Klimaschutzes zementiert.“
Hierbei werde die gesamte Biosphäre einem einheitlichen Apparat aus Überwachung und Management unterworfen. Der Wert des Waldes bemesse sich in diesem System maßgeblich an seiner Funktion fürs globale Klimasystem, insbesondere an seiner Fähigkeit zur Kohlenstoffbindung. Diese Sichtweise führe dazu, dass der Wald als „Körper“ für die Regulierung des Weltklimas definiert werde.
Reduktion des Waldes auf Kohlenstoff-Daten
Die Studienautorin schlussfolgert, dass die aktuelle Klimagovernance komplexe sozioökologische Realitäten auf quantifizierbare Metriken reduziere. „Lokales Wissen und jahrtausendealte Forstmanagementpraktiken werden in diesem Rahmen nur dann legitimiert, wenn sie in den dominanten Diskurs zum Klimawandel übersetzt werden können“, urteilt Oliveira. Archäologische Belege zeigten – gemeint sind beispielsweise fruchtbare „Terra Preta“-Böden, künstliche Siedlungshügel oder kilometerlange, erhöhte Straßensysteme und Dämme – dass die Biodiversität der Region auch das Ergebnis langfristiger menschlicher Interventionen ist. Diese Erkenntnisse stünden im Gegensatz zu einer Sichtweise, die den Amazonas als naturbelassene Ressource ohne menschliche Präsenz darstelle.
Diese Sichtweise verknüpft sie mit der historischen „Plantagenlogik“: Ähnlich wie bei früheren extraktiven Systemen werde Land nun nach globalen Parametern verwaltet. Die Reduktion des Waldes auf ein mathematisches Kohlenstoffreservoir könne dazu führen, dass die Menschen, die das Land bewohnen und pflegen, in den Datenrastern unsichtbar werden. Dies ermögliche es wirtschaftlichen Akteuren, Territorien durch Kompensationsmechanismen als „nachhaltig“ zu kennzeichnen, ohne die zugrunde liegenden Landnutzungskonflikte oder die Rechte indigener Gemeinschaften zu adressieren.
Instrumente der planetaren Verwaltung
Schließlich sind zur Analyse der Dynamiken und Effekte dieses transterritorialen Raumes drei zentrale Domänen untersucht worden: Diplomatie, Finanzen und Wissenschaft.
- Diplomatische Rahmenbedingungen wie etwa die Belém-Erklärung, funktionierten oft als nicht verbindliche Richtlinien, die sich an globalen Agenden ausrichten.
- Finanzielle Instrumente, darunter der Amazonas-Fonds, konzentrierten sich auf den globalen Nutzen des Waldes, während lokale Lieferketten und Ökonomien oft unberücksichtigt blieben.
- Wissenschaftliche Infrastrukturen, insbesondere Überwachungssysteme per Satelliten, machten den Wald in Echtzeit global sichtbar. Diese Transparenz wird in der Studie nicht als neutraler Vorgang, sondern als Praxis gewertet, die spezifische Wahrheitsansprüche über den Wert des Territoriums legitimiere.
Fazit der Analyse: Die planetare ‚Gouvernementalität‘ agiert als zusätzliche Kontrollinstanz, die neben der staatlichen Macht der Anrainerstaaten operiere und diese nutze, um internationale Klimametriken von Institutionen wie EU oder UNO zum Schutz der Biodiversität durchzusetzen. Das Amazonasgebiet als transterritorialer Ort mobilisiere einerseits produktive, interventionistische und technokratische Kräfte, aber schränke andererseits das Potenzial für Widerstand ein.
Methodik der Untersuchung
Die Studie basiert auf einer theoretischen Analyse unter Anwendung des Konzepts der Gouvernementalität nach Michel Foucault sowie der Theorie der Ökopolitik von Edson Passetti. Die Autorin untersuchte diplomatische Dokumente, transnationale Finanzströme und die Struktur wissenschaftlicher Wissensinfrastrukturen, um die Mechanismen der territorialen Transformation im Amazonasgebiet zu analysieren.
Publikation:
M. Cecilia Oliveira: Remaking the Amazon? The Emergence of Transterritorial Spaces of Governmentality. Global Environmental Politics 2026; 26 (3): 157–166. DOI:10.1162/GLEP.a.786
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