Entschieden für Demokratie: Warum Neutralität keine Antwort auf Polarisierung ist
19.05.2026
Ob zu E-Autos, Wärmepumpen, Gendern oder Migration: Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Zumindest denken das 81 Prozent der Deutschen. Oder wird uns diese Erzählung nur eingeredet? Polarisierung, so die These, gefährdet unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Daher befasst sich die Wissenschaft zunehmend damit, wie polarisiert die deutsche Gesellschaft ist und wie wir sie durch Strategien wie Bürgerdialoge, Medienkampagnen oder institutionelle Reformen depolarisieren können. Doch wie hilfreich ist es, auf unsere Gesellschaft durch eine Polarisierungsbrille zu schauen? Wird die Demokratie wirklich primär durch eine vermeintlich polarisierte Gesellschaft gefährdet? Oder kann ein solcher Blick uns von anderen wichtigen Faktoren, wie zum Beispiel dem Rechtsruck oder der Aushöhlung des Sozialstaats ablenken?
Ideologische versus affektive Polarisierung
Ganz generell verstehen wir unter Polarisierung das Auseinanderdriften von Meinungen und Haltungen in der Bevölkerung. In der Wissenschaft wird jedoch zunehmend zwischen ideologischer (oder politischer) und affektiver Polarisierung unterschieden. Die ideologische Polarisierung bezeichnet die wachsende Distanz zwischen entgegengesetzten politischen Meinungen und Einstellungen. Ideologische Polarisierung ist integraler und konstruktiver Aspekt demokratischer Aushandlungsprozesse. Wenn sich politische Differenzen in emotionale Gegnerschaft übersetzen, sprechen wir von affektiver Polarisierung. Der Begriff wurde in den USA geprägt mit Bezug auf das Auseinanderdriften der gegnerischen politischen Lager von Demokraten und Republikanern. In Prozessen der affektiven Polarisierung begegnen sich Menschen unterschiedlicher politischer Lager mit Abwertung, Misstrauen und sozialer Distanz.
Was sagen wissenschaftliche Studien?
In Deutschland wird Polarisierung zunehmend beobachtet und erforscht. Steffen Mau et al. haben in ihrem Bestseller „Triggerpunkte“ 2023 festgestellt, dass die deutsche Gesellschaft weniger gespalten ist als oftmals angenommen. Vielmehr beobachten sie, dass Konflikte punktuell angeheizt werden. Zu einem ähnlichen Schluss kommt das Wissenschaftsbarometer 2025, welches die deutsche Gesellschaft wesentlich stärker zum Thema gendergerechte Sprache als um Klimawandel, Migration oder soziale Ungleichheit polarisiert sah. Das Polarisierungsbarometer 2025 beobachtet hohe ideologische und affektive Polarisierungswerte bei Klimaschutzmaßnahmen und der Unterstützung der Ukraine ebenso wie beim Umgang mit sexuellen Minderheiten und Regenbogenflaggen.
Ein Jahr nach Veröffentlichung dieser Daten scheint ein Blick auf diese Themen die These von Mau et al. zu bestätigen, dass sich Meinungen, angeheizt durch Politik und bestimmte Medien, rund um spezifische Thematiken temporär polarisieren. Daher plädiert der Wissenschaftler Nils Kumkar dafür, weniger die Polarisierung, sondern die Kommunikation der Polarisierung, zum Beispiel durch „Polarisierungsunternehmer“, in den Blick zu nehmen. Damit meint er politische und mediale Akteure, die bewusst Spaltungen erzeugen. Ebenso beobachtet die Journalistin Gilda Sahebi, wie Spaltungserzählungen, so z.B. von guten und schlechten Migranten oder vom „Genderwahnsinn", oftmals auch von Politikern aus der Mitte propagiert und von Medien aufgegriffen werden.
Demokratiegefährdung durch Rechtsruck oder Polarisierung?
Die Argumente dafür, dass Polarisierung eine Erosion der Demokratie zur Folge haben kann, sind vielfältig. Die informellen Spielregeln der Demokratie, so zum Beispiel die Akzeptanz von Wahlergebnissen und die Achtung von Minderheitsrechten, können ihre Bindungskraft verlieren. Zweitens kann Polarisierung das Vertrauen nicht nur in die Gegenseite, sondern auch in gemeinsame Institutionen — Wahlen, Justiz, Medien, Wissenschaft – untergraben. Auch zeigt Forschung aus den USA, dass stark polarisierte Bürger:innen autoritäres Verhalten von Politiker:innen der eigenen Partei eher tolerieren oder unterstützen.
Doch kommt die Gefahr wirklich durch Polarisierung zweier sich feindlich gegenüberstehender Lager? Die Bevölkerungsgruppen, die laut Wissenschafts- und Polarisierungsbarometer 2025 als am stärksten polarisiert gelten, sind einerseits die Stammwähler:innen der Grünen, gefolgt von den Linken, und andererseits der AfD. Doch können wir diese Wählergruppen wirklich mit einem Maß messen? Denn während die AfD demokratische Normen und Spielregeln verletzt und Minderheitsrechte in Frage stellt, versucht die andere Gruppe diese zu verteidigen.
Daher greift, so Eversberg, ein Blick durch die Polarisierungsbrille zu kurz. In seiner Studie „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt“ von 2024 plädieren er und sein Team für eine nuanciertere Betrachtung gesellschaftlicher Gruppen und arbeiten sogenannte sozio-ökonomische Mentalitäten heraus, die sich in drei Spektren aufteilen lassen: ein sozial-ökologisches Spektrum, ein wachstumsorientiertes konservatives Spektrum sowie ein reaktiv-defensives Spektrum. Ein Vergleich ihrer Daten über die Jahre 2021/22 und 2023/24 zeigt eine Abkehr von nachhaltigkeitsorientierten Positionen. Während sozial-ökologische Denkweisen an Bedeutung verloren haben, hat sich die konservative Mitte den defensiv-reaktiven Positionen angenähert.
Eine „schamlose Normalisierung“
Der Ruck der konservativen Mitte nach rechts wird ebenso in der sogenannten Mitte-Studie skizziert. Die Studie zeigt auf, wie rechtsextreme Begriffe und Ideologien wie zum Beispiel „Überfremdung“ bewusst oder unbewusst von Menschen übernommen werden, die sich in der Mitte des politischen Spektrums verorten. Hier spricht man von einem Prozess der „schamlosen Normalisierung“ demokratiefeindlicher oder rechtspopulistischer Positionen. Gleichzeitig sind Statements wie das von Merkel 2015, „Eine Beschränkung der Zahl der Asylbewerber kennt das Grundrecht auf politisches Asyl nicht“, inzwischen selbst von Parteien aus dem Mitte-linken Spektrum unvorstellbar. Ähnliche Verschiebungen sehen wir bei den Themen Atomausstieg und E-Autos. Die Achse der Polarisierung hat sich somit – zumindest bei einigen Themen – verschoben, weg von Menschenrechten und Nachhaltigkeit. Und somit landen diese letzteren Themen auf dem „linken“ Spektrum der Polarisierungsdebatte. Die Wahrnehmung, dass sich zwei feindlich gesinnte politische Lager gegenüberstehen, und der Versuch diese Lager zu versöhnen lenkt ab von dieser Verschiebung, die auch als Angriff auf grundlegende demokratische Werte verstanden werden kann.
Gefahr der Polarisierungsbrille: vermeintliche Neutralität
Die Vorstellung, dass eine polarisierte Gesellschaft durch eine vermeintlich neutrale Haltung oder eine stärkere Vielfalt von Positionen auf dem Links-Rechts-Spektrum aufgehoben werden kann, hat sich bereits in die „Mitte“ der Gesellschaft eingeschlichen. So war der Chefredakteur der Zeit auf einem Medien-Camp im April 2026 auf der Suche nach jungen konservativen Journalist:innen, um die Perspektivenvielfalt in der Redaktion zu erhöhen. Ähnliche Entwicklungen gibt es in der Wissenschaft. Es gibt zunehmend Stimmen, die mehr Neutralität in der Wissenschaft einfordern und so zum Beispiel in der FAZ meinen, dass „normative Überformungen des Wissenschaftssystems (…) die gesellschaftliche Polarisierung befördern“, oder in der Zeit, dass früher Hochschule vor allem Exzellenz geheißen habe. „Heute steht Sozialpolitik mit auf der Agenda – eine fatale Entwicklung.“ Was hier als Sozialpolitik bezeichnet wird, sind Bemühungen der Universitäten Diversität und Antidiskriminierung zu berücksichtigen.
Während es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass Deutschlands Hochschulen in den internationalen Rankings in der letzten Dekade zurückgefallen sind, lässt jedoch ein Blick in die USA erahnen, wie solche Äußerungen zu Vorboten einer zunehmend restriktiven Förderpolitik werden können. Bereits vor Trumps zweiter Amtszeit mussten Begrifflichkeiten wie „diversity, equity, inclusion“ (DEI) aus Forschungsanträgen herausgestrichen werden, wenn sie eine Chance auf eine Förderung haben wollten. Inzwischen sehen wir in den USA eine sowohl erzwungene als auch freiwillige Abkehr von DEI-Programmen in Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Könnte hier in Deutschland das Genderverbot im Kulturstaatsministerium als ein Vorbote einer solchen Entwicklung gesehen werden? Wer spaltet hier: die, die das Gendern verbieten oder die, die für das Gendern eintreten?
Was es jetzt braucht: zwei Empfehlungen
Daher braucht es eine klare Differenzierung, wenn wir über Polarisierung sprechen. Zum einen sollten wir die Wahrnehmung der Gesellschaft als polarisiert – rund um eine vermeintlich neutrale Mitte - stets kritisch hinterfragen. Denn sonst könnte es passieren, dass wir uns als Vertreter:innen einer transformativen nachhaltigkeitsorientierten Forschung an einem Ende der Polarisierungsachse wiederfinden und in die Defensive geraten. Um diesem entgegenzuwirken braucht es, so der frühere Kommunikationschef der Helmholtz-Gemeinschaft, Jan-Martin Wiarda, „keine Abkehr von Diversität, Transfer oder gesellschaftlicher Verantwortung – sondern deren entschiedenere Verteidigung. Eine ehrlichere Debatte darüber, wie sie besser organisiert und gegen Angriffe von Rechtsaußen abgesichert werden können“.
Damit geht einher, dass wir kontinuierlich Spaltungserzählungen als solche entlarven und wissenschaftliche Evidenz dafür liefern, wie Polarisierungsunternehmer kontinuierlich versuchen, unser Verständnis darüber, was die Mitte der Gesellschaft ist, zu beeinflussen. Der Reflex sollte also nicht dahin gehen, zwei sich vermeintlich feindlich gegenüberstehende Lager zu befrieden, sondern entschieden für Demokratie und Nachhaltigkeit einzustehen gegen die, die sie angreifen.
