Ein Polaroid der Polarisierung
16.04.2026
Wie Deutschlands Meinungsklima wirklich aussieht
Stellen Sie sich vor: Ein ruhiges süddeutsches Dorf, Windräder, und eine Volksabstimmung, die bei 55 Prozent gegen und 45 Prozent dafür landete. Klingt nach heftiger Polarisierung? Nicht unbedingt. Wie bei einer Paneldiskussion zur Frage gesellschaftlicher Spaltung oder Einigkeit auf der RIFS-Konferenz „Tough Conversations in Tough Times” („Schwierige Gespräche in schwierigen Zeiten“) zusammengekommene Expert:innen erklären, unterstützen laut zahlreicher Befragungen große Mehrheiten die grundsätzliche Forderung nach mehr Klimaschutz und auch viele Maßnahmen.
Manche mahnen aber an, es bilde sich in Deutschland zunehmend ein "defensiver Konsens", wenn es um als ungerecht und teuer wahrgenommene konkrete politische Maßnahmen geht – damit gleicht die Bevölkerung einer Art Gruppenfoto, auf dem die meisten grundsätzlich gut aussehen wollen, aber es nicht gelingt, alle dabei gleichzeitig festzuhalten. Die Windräder? Nur ein Beispiel für ein Land, das zwischen nachhaltigem Wandel und "Wie immer, aber bitte nicht schlimmer" schwankt.
Dieser Blogpost ist Teil einer Serie über die RIFS-Konferenz 2025, "Tough Conversations in Tough Times" (Schwierige Gespräche in schwierigen Zeiten).
Die Zahlen, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten
In einer Studie aus dem Sommer 2025 steht: Über 50 Prozent sind klimapolitisch "progressiv", nur 18 Prozent regressive "Klima-Skeptiker". Zehn Prozent sind ambivalent, bedeutet beispielsweise, sie betrachten die Klimakrise grundsätzlich als Problem, aber sorgen sich vor den Kosten der Lösungen. Die Restlichen? "Indifferent" – also Leute, die lieber das Wetter fluchend ignorieren als darüber zu diskutieren.
Eine weitere Studie vom Herbst 2025 zeigt auf: Im Schnitt wünschen sich die Menschen in Deutschland von ihrer bevorzugten Partei mehr Engagement für den Klimaschutz, als sie aktuell wahrnehmen – nur für Wählerinnen der FDP und AfD gilt dies nicht, aber immerhin wünschen diese sich nicht weniger. Beim RIFS läuft derzeit eine Erhebung, die noch aktuellere Ergebnisse über die in der Bevölkerung vorherrschenden Meinungen zu und Bewertungen der Transformation liefern wird – die Ergebnisse werden im Sommer vorliegen. Aber Achtung: Auch soziale Erwünschtheit kann hier eine Rolle spielen. Wie ein Kumpel, der bei Umfragen "natürlich" vegan isst, aber abends geheimer Currywurst-Esser ist, antworten viele auf Fragen mit dem, was sie für politisch korrekt halten. Das echte Bild? Komplizierter als ein Instagram-Filter.
Die Expert:innen und ihr Polarisierungs-Puzzle
Dennis Eversberg, Professor für Umweltsoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuvor leitete er eine BMBF-Nachwuchsgruppe, in der er und seine KollegInnen in Deutschland vorherrschende Mentalitäten und ihre sozio-strukturelle Basis sowie deren Rolle für sozioökologische Transformationen untersuchten. Aufbauend auf dieser Arbeit haben er und KollegInnen ein Buch zum Thema geschrieben: „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt”.
Nils Kumkar, wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Seine Forschungsinteressen liegen in der Wissens- und Kommunikationssoziologie. Vergangenen Sommer veröffentlichte er „Polarisierung. Die Ordnung der Politik“ bei Suhrkamp, das darlegt, warum Polarisierung aus Politik und Öffentlichkeit nicht wegzudenken ist.
Elke Weber, seit 2016 Professorin für Umwelt und Energie sowie Professorin für Psychologie und öffentliche Angelegenheiten an der Princeton University. Sie war Mitautorin des Kapitels „Soziale Aspekte der Minderung des Klimawandels” im letzten IPCC-Bericht. Ihr Forschungsinteresse betrifft unter anderem wie die Öffentlichkeit ihre Einstellungen zu Klima und Nachhaltigkeit entwickelt und welche Rolle der wahrgenommene gesellschaftliche Kontext spielt.
Prof. Eversberg skizzierte auf Basis seiner Forschung zur sozial-ökologischen Transformation:
"Keine Polarisierung, sondern eine Dreiecksbeziehung!"
- es gebe kein klares Bild der Polarisierung, es handele sich eher um eine in mehrfacher Hinsicht spannungsreiche Konstellation dreier “Spektren“ von Grundhaltungen in der Bevölkerung.
Es gebe die:
- Ökosoziale Befürwortung von Klimapolitik und Transformation, aus der heraus Leute sagen: „Ja, die Regierung sollte entschlossener handeln und wir sind auch bereit, unser Leben zu ändern.“
- Konservative Wachstums- und Wohlstandsorientierung mit zunehmend defensiver Tendenz: Hier werden Sorgen um Umwelt- und Klimakrisen geteilt und grundsätzlich Veränderungsbedarfe anerkannt, gleichzeitig aber soll der eigene materielle Wohlstand und die gewohnte Lebensweise bewahrt werden. "Ich will schon, dass wir das Klima schützen, aber dabei muss sich doch nicht alles ändern!?"
- Wütende oder überforderte Abwehr: Forderungen nach Veränderung erscheinen aus diesen Orientierungen heraus als zusätzliche Bedrohung bei ohnehin vorherrschender Unsicherheit, was teils mit Rückzug, häufig aber mit entschlossener Abwehr beantwortet wird. "Die selbsternannten Weltenretter sind die eigentliche Gefahr!"
Ersteren und letzteren ließen sich 2021 etwa je ein Viertel der Menschen in Deutschland zuordnen, während das zweite – im Buch von Eversberg und KollegInnen „konservativ-steigerungsorientierte“ Spektrum genannt – mit rund 40 Prozent den größten Teil des Rests ausmacht: Eben dieses Spektrum werde derzeit zunehmend defensiver, weil immer deutlicher die Vereinbarkeit der üblichen Lebensweisen mit einer nachhaltigen Zukunft für alle infrage gestellt wird. Dieser Gedanke rückt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – und schmälert in diesem Teil der Bevölkerung die Befürwortung eines umfassenden Wandels.
Prof. Eversberg: „Ich würde sagen, dass es eine Annäherung zwischen dem konservativ-steigerungsorientierten Spektrum und dem defensiv-reaktiven Spektrum gibt. Deshalb würde ich eher von einem sich abzeichnenden defensiven Konsens sprechen als von Polarisierung.“
Dr. Kumkar: „Das Einzige, worüber sich viele einig sind, ist, dass die Politik nicht so funktioniert, wie sie sollte. Ansonsten gibt es wirklich nicht viel Gemeinsames zwischen all den Vorstellungen davon, was Polarisierung eigentlich bedeutet.“
Dr. Kumkars Konzept der "kommunikativen Polarisierung" erklärt, warum alle über Spaltung reden, obwohl die in Befragungen offengelegten Meinungen gar nicht so weit auseinanderliegen. Ein Erklärungsbaustein ist, dass politische Akteure von der Unterscheidbarkeit von Positionen leben, somit ist Polarisierung in den Systemlogiken moderner politischer Kommunikation angelegt. Auch wenn Merz und Co. in einigen Politikfeldern nun nahe an Habecks Vorschlägen sind, sind sie gezwungen, sich von ihm abzugrenzen. Ein weiterer Baustein ist die aufmerksamkeitsökonomische Medienlogik, die dazu führt, dass „Extrem-Meinungen“ einfacher viral gehen. So geschieht es auch bei Parteienkommunikation auf den sozialen Medien – Randparteien haben eine höhere Sichtbarkeit, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Universität Potsdam. Beispiel: "Wenn dir dein Onkel nur noch TikTok-Witze von Rechtspopulisten schickt, denkst du, Deutschland ist polarisiert – obwohl ihm nur langweilig ist."
Prof. Weber: "Menschen sind komplex. Sie wollen viele verschiedene Dinge, die oft widersprüchlich sind. Damit ist die Realität ist nicht so schwarz oder weiß wie die Social-Media-Feeds suggerieren."
Aus ihrer Forschung berichtet Prof. Weber, dass oftmals eine falsche soziale Realität wahrgenommen wird. Der akademische Schlüsselbegriff dabei: Pluralistische Ignoranz. Viele merken wohl nicht, dass es mehrheitliche Zustimmung für viele als umstritten wahrgenommene politische Maßnahmen gibt. Dieser Befund ist in Deutschland genauso wie in vielen anderen Ländern der Welt, inklusive der USA zu finden. Für den Erfolg der Transformationen ist das deshalb relevant, weil, wenn das Kollektiv nicht weiß, was seine Mitglieder mehrheitlich wollen, dann schwächt das die kollektive Handlungsfähigkeit.
Warum es (nicht) schlimm ist, wenn gespaltet wird.
- Affektive Polarisierung: Hier wird's emotional. Plötzlich ist die andere Seite nicht mehr "anders", sondern " arschig". Diese Art der Polarisierung beschreibt, wenn Personen sich mit Gleichgesinnten besonders verbunden fühlen und gleichzeitig Andersdenkenden mit Ablehnung oder negativen Gefühlen begegnen. Die „Wir-gegen-sie“-Mentalität erschwert Dialog und Zusammenarbeit, denn wenn Personen vor Ärger über andere rot sehen, dann verschwinden mögliche Lösungen und Kompromisse wie hinter einem roten Tuch. Für Deutschland und Berlin widmet sich diesem Thema ein interdisziplinäres Forschungsteam.
- Die Rolle öffentlicher Kommunikation: Seien es die Medien oder PolitikerInnen, Aussagen bevorzugen Dramen. "Klima vs. Schnitzel" verkauft sich besser als "Wir alle versuchen, zurechtzukommen". Dies hilft der sachlichen, lösungsorientierten Debatte aber nicht weiter. Da die Realität meist nicht so schlimm aussieht wie Überschriften, würde gemäßigtere Kommunikation gesellschaftliche Verständigung fördern.
- Die materielle Grundlage: Wenn darüber gesprochen wird, welche Meinungen die Menschen haben, geraten deren ungleich verteilter Zugang zu materiellen Ressourcen in den Hintergrund. Immer weniger Menschen haben durch ihr Vermögen und ihren exzessiven Lebensstil immer größeren Einfluss – zum einen auf den Verbrauch unserer natürlichen Lebensgrundlagen, zum anderen aber auch auf die (politischen) Strukturen, die das Zustandekommen der ungerechten Ungleichheiten bremsen könnten.
Lösungen? Mehr Pool, weniger Pool-Party.
- Infrastruktur statt Ideologie oder öffentliche Schwimmbäder statt Privatpools für alle. Das plakative Beispiel klingt banal, ist aber ressourcenschonend. Und mindestens genauso wichtig: Gemeinschaftsprojekte und der glaubwürdige Zugang zu gemeinschaftlicher, existentieller Infrastruktur schaffen geteilte Erfahrungen und verringern die Angst vor Veränderung. Im Sinne der auf der festgestellten Unvermeidbarkeit von Polarisierung im politischen Raum aufbauenden Forderung „polarisieren – aber richtig“ ließe sich die Gesellschaft vielleicht auch gegen die immer weiter zunehmende Privatisierung, die die vielen Vorteile öffentlicher Güter missachtet, in Stellung bringen.
- Reden, aber wo? Wir brauchen Foren für Bürgerinnen, die nicht wie Seminar-Räume riechen. Räume in denen echtes Zuhören möglich ist. Bürgerräte in Deutschland haben bereits gezeigt, was passiert, wenn Menschen nicht mehr aneinander vorbeireden: Zufällig zusammengewürfelte Menschen, die sich eigentlich nie begegnet wären, finden erstaunlich oft gemeinsame Lösungen – nicht weil sie plötzlich gleicher Meinung sind, sondern weil sie die Bedürfnisse hinter den Positionen der anderen verstanden haben. Nicht Einigkeit ist das Ziel, sondern geteiltes Verständnis – das ist die Voraussetzung, um gemeinsam etwas zu bewirken und eine Einsicht die auch aus dem Werk des kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas hervorgeht.
- Humor als Mittel: Werfen Sie mal einen Scherz ein, wenn die Fronten sich verfahren haben. Humor ist vielleicht das älteste Gegenmittel: Er schafft einen Raum, in den heikle Dinge passen, ohne dass sofort die Schützengräben ausgehoben werden. Nicht weil er Probleme kleinredet, sondern weil er kurz entspannt – und in diesem kurzen Moment der Entspannung passiert manchmal mehr echte Verständigung als in stundenlangen ernsthaften Debatten. Menschen können über etwas lachen und es trotzdem ernst nehmen. Das ist keine Schwäche, das ist soziale Schläue. "Beispiel: "Sollten wir Windräder bauen?" – "Na klar, aber nur wenn sie die Hauptstraße sanieren." – verbreiten sich die Landesgesetze zur kommunalen Beteiligung am Ausbau der Erneuerbaren, machen sie das sogar bald vielleicht wirklich.
Fazit: Polaroid statt Polarisierung
Um das Polaroid-Bild von Deutschland scharfstellen zu können und zu sehen wie sich das Land wirklich zeigt, muss der Zoom perfekt eingestellt — und gleichzeitig hinter das Bild geschaut werden. Medien, soziale Netzwerke und politische Rhetorik stellen die Linse auf maximale Vergrößerung und plötzlich wirkt jeder Riss wie ein Abgrund. Was viele für tiefe Spaltung halten, ist ein dadurch mitbedingter Wahrnehmungseffekt. Dabei liegen die meisten Menschen näher beieinander, als der tägliche Streit vermuten lässt. Wer den Zoom jedoch zu schwach einstellt, dem entgehen sich entwickelnde Konflikte, unter anderem um Anerkennung und die Bedeutung eines guten Lebens. Schließlich braucht es den Blick hinter das Bild. Denn was der Mensch für wünschenswert, erreichbar und selbstverständlich hält – und damit, was er verändern oder bewahren will – wird wesentlich durch die Verhältnisse bestimmt, in denen er lebt. Und bestehende ungerechte Verhältnisse laufen Gefahr durch einen nicht ausreichend sozial-nachhaltigen Wandel verschlimmert zu werden. Insofern ist Deutschland nicht polarisiert aber doch zunehmend polar-oid — also polarisierungsartig.
Die Lösung? Weniger Streit darüber, ob die Mehrheit der Menschen in Deutschland "polarisiert" ist. Mehr Aufmerksamkeit darauf, was wir gemeinsam verbessern können. Und dafür vor allem: Klarer benennen, welche Pole im gesellschaftlichen Raum tatsächlich die sind, die sowohl die größere Verantwortung tragen als auch die Mittel haben, sich für Veränderung einzusetzen. Denn der Streit der Menschen untereinander, die eigentlich vieles eint, kommt nicht von ungefähr — er ist gleichsam die Folge sich verhärtender materieller Strukturen als auch das Geschäftsmodell derer, die verhindern wollen, dass Menschen sich zusammentun und gemeinsam dort etwas einfordern, wo es wirklich etwas zu holen gibt.
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