Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Nachhaltige Zukunft der europäischen Meere: Warum ein Source-to-Sea-Ansatz entscheidend ist

26.03.2026

Linda Del Savio

linda [dot] del [dot] savio [at] rifs-potsdam [dot] de

Ben Boteler

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Wasser verbindet uns alle. Doch allzu oft folgen wir bei der Governance noch immer fragmentierten Ansätzen. Die EU will das ändern.
Wasser verbindet uns alle. Doch allzu oft folgen wir bei der Governance fragmentierten Ansätzen. Die EU will das ändern.

Die Umweltpolitik der EU ist durch einen sektoralen Ansatz gekennzeichnet, bei dem Politikbereiche wie die Bewirtschaftung von Süßwasser und der Schutz der Meere isoliert voneinander konzipiert und umgesetzt werden. Die Notwendigkeit eines stärker integrierten Ansatzes wurde von der EU erkannt und in politischen Initiativen wie dem europäischen Green Deal zum Ausdruck gebracht. Dennoch bildet ein komplexes Geflecht aus Politiken, Verwaltungsorganen und Akteuren die Grundlage der EU-Politik, die bislang zu wenig integriert ist und der Vernetzung von terrestrischen und marinen Ökosystemen nicht gerecht wird.

Meeresökosysteme kennen keine Zuständigkeits- und Verwaltungsgrenzen, und Schadstoffe wie Mikroplastik machen nicht an der Küstenlinie Halt. Der Zustand der europäischen Meere ist untrennbar mit den Küstengebieten und den Gewässern verbunden, die in sie münden. So beeinträchtigt beispielsweise die Verschmutzung vom Land aus, einschließlich landwirtschaftlicher Abflüsse, industrieller Einleitungen und Plastikverschmutzung, die Gesundheit der Meere, da diese Schadstoffe oft über weite Strecken durch miteinander verbundene Wege transportiert werden. Daher gewinnt ein ganzheitlicher Ansatz „von der Quelle bis zum Meer“ (Source-to-Sea), der die Vernetzung von Land- und Meeresumwelt berücksichtigt, zunehmend an Bedeutung. Zur Bewältigung miteinander verknüpfter politischer Herausforderungen wird er dringend benötigt und ist von zentraler Bedeutung für ambitionierte Initiativen wie den Europäischen Pakt für die Meere.

Was beinhaltet ein Source-to-Sea-Ansatz? 

Der Source-to-Sea-Ansatz erkennt an, dass aquatische Systeme als integriertes System entlang eines Land-Meer-Kontinuums funktionieren. Er plädiert dafür, den gesamten Wasserkreislauf an Land und im Meer – von seinen Wegen durch landwirtschaftliche Flächen und städtische Gebiete, Fluss- und Meeresbecken bis hin zum Ozean – als miteinander verbundene Einheit zu verwalten. Es geht nicht nur darum, die Meeresumwelt im Ozean zu schützen, sondern auch darum, die Belastungen für marine Ökosysteme entlang des gesamten Land-Meer-Kontinuums zu verstehen und anzugehen. Der Source-to-Sea-Ansatz geht über bisherige Konzepte für ein integriertes Wassermanagement hinaus, die sich oft auf den Fluss als zentrales Element konzentrieren, da er den grenzüberschreitenden Charakter dieser Systeme ausdrücklich berücksichtigt. Die meisten Gewässersysteme überschreiten mehrere Verwaltungsgrenzen – darunter lokale, nationale, regionale und internationale. Und das Entscheidende: Sie münden letztendlich in den Ozean.

Der Europäische Pakt für die Meere und die Notwendigkeit politischer Integration

Mit der 2025 von der Europäischen Kommission verabschiedeten Strategie zum Schutz der Meere ist der Europäische Pakt für die Meere ein Beispiel für das Engagement der EU für eine nachhaltige blaue Wirtschaft und einen gesunden Ozean. Er schlägt einen Rahmen für koordinierte und gezielte Maßnahmen sowie für eine wirksame Umsetzung vor und bündelt dabei ozeanbezogene politische Ziele und Maßnahmen.

Der Pakt bekräftigt bestehende Ziele, wie beispielsweise die Erreichung eines guten Umweltzustands der Meeresgewässer, wie in der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (EG 2008/56) dargelegt, die Gewährleistung der Erhaltung der biologischen Meeresressourcen und der Bewirtschaftung der Fischerei, wie in der Verordnung über die Gemeinsame Fischereipolitik (EU) 1380/2013 reguliert, sowie das Verbot bestimmter Einwegplastikartikel, wie in der Richtlinie über Einwegkunststoffe (EU 2019/904) dargelegt. Ein zentraler Grundsatz des Europäischen Pakts für die Meere ist daher die Notwendigkeit einer integrierten Politik.

In der Erkenntnis, dass die Gesundheit der Ozeane nicht nur eine Frage der Meeresumwelt ist, fördert der Europäischen Pakt für die Meere ausdrücklich den Source-to-Sea-Ansatz als wesentlichen Bestandteil der Bekämpfung der Verschmutzung; dieser Ansatz ist eines von vier Leitprinzipien, an denen sich die vorgeschlagenen Maßnahmen des Europäischen Pakts für die Meere orientieren. Die anderen sind das Vorsorgeprinzip, ein wissenschaftlich fundierter Ansatz bei politischen Entscheidungen sowie ein ökosystembasierter Ansatz beim Management. Der Source-to-Sea-Ansatz erkennt ausdrücklich an, dass landseitige Quellen der Meeresverschmutzung, wie landwirtschaftliche Abflüsse, Industrieabwässer und (Mikro-)Plastik, eine große Bedrohung für marine Ökosysteme darstellen. Die Bekämpfung dieser Schadstoffe erfordert Maßnahmen stromaufwärts und an der Quelle, nicht nur in den Meeren und Flussgebieten, die in unsere Ozeane münden, sondern auch an Land, wo der Großteil der menschlichen Aktivitäten stattfindet.

Dies erfordert ein kooperatives, sektorübergreifendes Vorgehen, bei dem Regierungen, Unternehmen, Industriezweige, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sowie Bürger*innen  zusammenkommen, um die zahlreichen Herausforderungen in Bezug auf terrestrische, Süßwasser- und Meeresumgebungen anzugehen. So sind beispielsweise an der Regulierung von Reifenabriebpartikeln, einer Form unbeabsichtigt freigesetzter Mikroplastikpartikel, die Generaldirektionen der Europäischen Kommission für Umwelt (GD ENV), für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU (GD GROW) sowie für Mobilität und Verkehr (GD MOVE), die Automobil- und Reifenindustrie, Umwelt-NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen zum Schutz der Verbraucherinteressen, der Abwasserbehandlungssektor sowie Wissenschaft und technische Expert*innen beteiligt.

Warum ist der Source-to-Sea-Ansatz wichtig?

Die Einbeziehung eines Source-to-Sea-Ansatzes in politische Überlegungen bietet zahlreiche Vorteile für die Governance und das Management. Da Governance-Gremien oft isoliert voneinander arbeiten und unterschiedliche Behörden für Süßwasser- und Meeresumwelten zuständig sind, ist das Aufzeigen solcher Diskrepanzen bei Rollen und Zuständigkeiten der erste Schritt hin zu einer koordinierten Politikgestaltung. Darüber hinaus erfordert die Suche nach politischen Ansätzen, die wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz in Einklang bringen, effektive Stakeholder-Prozesse, die sowohl vorgelagerte als auch nachgelagerte Überlegungen in die Entscheidungsfindung einbeziehen. Datenlücken in Bezug auf Wasserqualität, Biodiversität und Landnutzung können ein effektives Management behindern. Die Betrachtung von Daten durch einen Source-to-Sea -Ansatz kann dabei helfen, kritische Zusammenhänge innerhalb der Schadstoffpfade zu erkennen und somit zu bestimmen, wo Investitionen und Kooperationen bei der Überwachung und Datenerhebung getätigt werden sollten.

Schließlich erfordert die Bewirtschaftung des Land-Meer-Kontinuums internationale Zusammenarbeit. So kann Verschmutzung beispielsweise aus diffusen Quellen über weite Landschaften hinweg stammen, was es schwierig macht, sie bis zu ihrer ursprünglichen Quelle zurückzuverfolgen. Darüber hinaus sind mehrere Ökosysteme betroffen, darunter gemeinsame Fluss- und Meeresbecken sowie gemeinsame Meeresressourcen wie Fischbestände, Meeressäugetiere und Korallenriffe, was eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit erforderlich macht. Dies kann aufgrund der Vielzahl der beteiligten Akteure in vor- und nachgelagerten Bereichen komplex und zeitaufwändig sein.

Unsere Forschungsergebnisse aus dem „Horizon Europe“-Projekt „Source to Seas – Zero Pollution 2030“ zeigen auf, wie eine mangelnde Abstimmung zwischen Akteuren in vor- und nachgelagerten Bereichen sowie eine unzureichende Koordinierung der EU-Politik Ansätze zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung behindern. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass widersprüchliche Prioritäten zwischen verschiedenen Politikbereichen zum Problem der Plastikverschmutzung beitragen. So kann beispielsweise die Förderung von Elektrofahrzeugen, die schwerer sind als herkömmliche Autos und andere Reifendesigns erfordern, unbeabsichtigt zu einer erhöhten Mikroplastikbelastung durch Reifenabrieb beitragen – eine bedeutende und oft übersehene Quelle.

Die Anwendung eines Source-to-Sea-Ansatzes bei der Integration der Politik zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung kann die Kluft zwischen traditionell getrennten Politikbereichen (z. B. Mobilität, Klima und Umwelt) überbrücken. Der Ansatz bietet ein Instrument, um die politischen Maßnahmen und Akteure entlang des Schadstoffpfades (z. B. Land und Wasser) und über die verschiedenen Lebenszyklusphasen des Schadstoffs (z. B. Produktion, Nutzung, End-of-Life-Phase) hinweg abzubilden. Auf diese Weise zeigt der Ansatz auf, wo eine politische Abstimmung erforderlich ist, um Maßnahmen zur Bekämpfung der Meeresverschmutzung durch Plastik effektiv zu integrieren.

Der Weg in die Zukunft

Der Europäische Pakt für die Meere schlägt eine neue Strategie für die politische Integration und die Meerespolitik der EU vor, indem er den Source-to-Sea-Ansatz verfolgt. Diese Initiative zielt darauf ab, politische Maßnahmen zu bündeln, die Zusammenarbeit über Sektoren und Zuständigkeitsgrenzen hinweg zu fördern und gezielte Forschung voranzutreiben – alles mit dem Ziel, das Land-Meer-Kontinuum in die politischen Rahmenbedingungen der EU zu integrieren. Derzeit arbeiten die EU-Mitgliedstaaten am Europäischen Pakt für die Meere, einschließlich eines künftigen Rechtsakts, der darauf abzielt, die Richtlinie über die maritime Raumplanung (EU 2014/89) zu überarbeiten und alle bestehenden EU-Ziele im Zusammenhang mit den Ozeanen in einem einzigen Rechtsakt zusammenzufassen. In Zukunft könnte ein solcher Rechtsakt für die Meere vorschreiben, dass Ziele für den Schutz der Meeresumwelt vorgelagerte Einflussfaktoren berücksichtigen und dass Flussgebietsmanagementpläne die Übereinstimmung mit den Zielen für die Meeresumwelt nachweisen (Land-Meer-Koordination). Darüber hinaus könnte der künftige Rechtsakt die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik stärken, indem eine Beratungsplattform „von der Quelle bis zum Meer“ eingerichtet wird, in der Vertreter*innen des Land-Meer-Kontinuums die Arbeit zur Erreichung der oben genannten Ziele leiten und die Angleichung der Governance unterstützen.

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