Steigt unsere Solidarität, wenn wir eine Katastrophe am eigenen Leib erlebt haben?
15.04.2026
RIFS-Fellow Kim Vender untersucht während ihrer Zeit am RIFS, wie persönliche Erfahrungen mit klimabedingten Katastrophen im sogenannten „Globalen Norden“ die Solidarität mit Gemeinschaften im „Globalen Süden“ beeinflussen. Sie legt den Fokus dabei auf die süddeutschen Gebiete, wo es im Juni 2024 extreme Wetterereignisse und schwere Überschwemmungen gab. Im Interview spricht sie zudem über das Konzept der Führungsrolle beim Klima, finanzielle Beiträge zum Fonds der UN für die Bewältigung von klimabedingten Verlusten und Schäden sowie der Frage, ob Menschen global solidarischer handeln, wenn sie selbst beispielsweise von Hochwasser betroffen waren.
Aus welchem Forschungsgebiet kommen Sie denn zum RIFS?
Kim Vender: Aus der Politikwissenschaft. Meine Forschung war in den vergangenen Jahren auf die internationalen Beziehungen und Außenpolitikanalyse konzentriert. Durch meine Promotion bin ich auf den Bezug Klimawandel und Klima-Governance gekommen. Am Beispiel von China habe ich das Konzept der Führungsrolle beim Klima erforscht, denn einerseits gilt es als Entwicklungsland, andererseits übernahm es in mancher Hinsicht die Klimaführerschaft. Was sind die Erwartungen an so eine Klimaführungsrolle und wie wird das umsetzbar für ein Land? Das brachte mich zur Untersuchung von Co-Führung. Die liegt dann vor, wenn zwei oder mehr Länder die führende Rolle übernehmen wollen - oder sollen. Deshalb habe ich die EU-China-Beziehungen näher analysiert. Das hat mich zu meinem jetzigen Thema gebracht: der Klimafinanzierung.
Welchem Forschungsthema widmen Sie sich während ihres Jahres am RIFS?
K. V.: Klimafinanzierung ist genau das Thema, was ich jetzt hier am RIFS erforschen möchte. Vor kurzem wurde der UN-Fonds zur Adressierung von Verlusten und Schäden durch den Klimawandel eingerichtet und mich interessiert, wie ist die öffentliche Meinung dazu?
Und der vor kurzem eingerichtete UN-Fonds für Verluste und Schäden ist der aktuelle Aufhänger?
K. V.: Genau. Dieser internationale Fonds ist sehr umstritten bei den Klimaverhandlungen der UN. Die Entwicklungsländer sagen, das ist so etwas wie eine Reparationszahlung wie nach dem Krieg, was die Industrieländer zahlen müssen. Die Industrieländer würden es aber lieber als solidarische Zahlung an die Entwicklungsländer sehen, weil das andere rechtliche Folgen hat. Es läuft zugleich die Diskussion, ob nicht eins mit dem anderen verbunden werden kann. Es könnten dann alle Länder, die wollen da einzahlen. Es müssen nicht nur Industrieländer sein. Das wäre auf der Grundlage von Solidarität ganz gut machbar. Andere sagen wiederum, nein, die Entwicklungsländer haben ein Recht darauf. Und das sollte man schon so eingrenzen, anstatt das freiwillig zu zahlen, einfach weil die reicheren Länder so „gütig“ sind. Solidarität als Konzept ist daher zentral in der Diskussion um diesen Fonds. Aber was bedeutet das genau für die Menschen in den Geberländern? Solidarität verbindet man leichter historisch gesehen zum Beispiel mit sowas wie der Solidarność Bewegung in Polen, der damaligen Arbeiterbewegung für freiheitliche demokratische Rechte, oder der #metoo Bewegung bis hin zur Climate Justice-Bewegung.
Ja, was bedeutet es?
Historisch gesehen beruht Solidarität auf einer kollektiven Verantwortung: man gehört zu einer Gruppe, die solidarisch miteinander steht. Da bin ich aufmerksam geworden, weil ich dachte, in den Klimaverhandlungen ist das aber sehr asymmetrisch: Die Einen geben, die Anderen empfangen. Und dies, obwohl in beiden Ländertypen, Entwicklungs- und Industrieländern, Menschen von Klimaschäden betroffen sind. Natürlich sind in den Entwicklungsländern noch viel stärkere Auswirkungen des Klimawandels zu spüren. Aber dennoch, was ist mit den Menschen in Deutschland, die betroffen waren? Fühlen die sich solidarischer mit den Menschen in Bangladesch zum Beispiel, die auch eine Überflutung zwar überlebt, aber trotzdem alles verloren haben? Oder sagen sie: "Hm, wir würden das Geld, was Deutschland in diesen Fonds einzahlen soll lieber bei uns sehen. Damit wir alles bei uns wieder aufbauen können. Warum sollen wir das Geld woanders hinschicken?" Ich will rausfinden, welche Haltung vorherrscht.
Wie wollen Sie denn genau vorgehen, um von den Einstellungen der Menschen zu erfahren?
K. V.: Dazu möchte ich eine Umfrage durchführen und partizipative Fokusgruppen, aber das sind natürlich nur Teile der Gesellschaft, die ich abfragen kann. Das Besondere an meinem Forschungsprojekt ist jedoch die Gegenüberstellung der Leute, die bei dieser Jahrhundertflut in Süddeutschland in 2024 Verluste und Schäden erlitten haben, und solchen, die nicht betroffen waren. Die große Frage ist, wie antworten die Leute aus der Gruppe der Betroffenen im Unterschied zu denen, die nicht betroffen waren? Machen diese persönlichen Erfahrungen einen Unterschied, wie die Menschen das sehen?
Und worum soll es in den Fokusgruppen gehen?
In den Fokusgruppen wird es ganz spannend für mich zu sehen, was die Teilnehmenden daraus machen, wenn ich sie mit den Realitäten in anderen Ländern konfrontiere. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit würde ich gerne so einen Perspektivwechsel einführen, indem ich Beispiele aus anderen Ländern zeige und damit aufzeige, so war das dort. Da gibt es vielleicht nicht das Technische Hilfswerk oder das Deutsche Rote Kreuz das direkt zur Stelle ist, wenn die Menschen ihre Häuser verlieren, ihre Felder, ihre Äcker und ihr Vieh. Dann ist die gesamte Lebensgrundlage weg. Anstatt alles wieder aufbauen zu können, müssen sie vielleicht woanders hinziehen. Wie reagieren die Menschen darauf, wenn sie das hören?
Was könnte sich denn aus diesem Forschungsprojekt im besten Falle entwickeln?
K. V.: Wenn die Menschen interessiert daran sind, mehr zu erfahren oder dafür plädieren, dass Deutschland in diesen Fonds einzahlen soll, dann wäre der nächste Schritt aufzuzeigen, so oder so könnt ihr euch organisieren und diesen Wunsch an die Politik herantragen. Es gibt bereits die Loss and Damage Collaboration, die ist global. Es gibt zudem die Loss and Damage Youth Coalition, die auch in Deutschland Vertretende hat, dann noch andere NGOs oder die Zivilgesellschaft ganz allgemein. Am Ende würde ich auch gerne einen Roundtable oder einen für die Teilnehmenden zugänglichen Workshop zusammen mit Politikerinnen und Politikern organisieren für den direkten Austausch.
Was bietet denn das RIFS, was andere Institutionen nicht bieten können?
K. V.: Für mich war das die Forschungsfreiheit. Außerdem sind die Forschungsgruppen sehr passend und für mein Thema eine super Ergänzung - auch mit der Anbindung an das GFZ. Da kommen dann Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zusammen. Von der Anthropologie über die Attributionsforschung zur Atmosphärenforschung, der Soziologie, den Politikwissenschaften über die Physik bis zur Philosophie ist alles Mögliche rund um den Klimawandel hier abgedeckt. Es sind sehr viele Disziplinen, die zusammenkommen, da ist man schon sehr gut aufgestellt und nicht so silohaft wie an einer Universität unterwegs. Ebenso anziehend ist die Chance für mich, an Zahlen etwa zu den Überflutungen zu kommen oder die Wettervoraussetzungen für diese Überflutungen. Dieses ganze Hintergrundwissen, dass es Expertinnen und Experten direkt hier vor Ort gibt die ich einfach ansprechen kann und manche dann sogar die Kontakte vor Ort haben, das ist einfach super.
