Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Resilienz und Widerstand sind kein Widerspruch

06.08.2026

Resilienz wird häufig als Anpassungsfähigkeit an schwierige Gegebenheiten verstanden, nicht als Widerstand gegen bestehende Strukturen. Eine neue Studie des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) und der Universitat Oberta de Catalunya stellt diese Annahme infrage. Die Analyse von neun selbstorganisierten Räumen in Barcelona zeigt: Partizipation stärkt die individuelle und soziale Resilienz von Gemeinschaften – und kann zugleich Widerstand gegen den Status quo mobilisieren. Beide Prozesse bedingen sich dabei gegenseitig.

Der Gemeinschaftsgarten Hort Can Valent in Barcelona wurde ursprünglich durch eine Gruppe der Arbeitslosenvertretung ins Leben gerufen.
Der Gemeinschaftsgarten Hort Can Valent in Barcelona wurde ursprünglich durch eine Gruppe der Arbeitslosenvertretung ins Leben gerufen.

Die Studie untersucht sogenannte Claimed Spaces – selbstorganisierte Räume, die von Bürgerinnen und Bürgern geschaffen und verwaltet werden. Dazu gehören Gemeinschaftsgärten, selbstverwaltete Kulturzentren und autonome Nachbarschaftsprojekte. Viele dieser Räume entstanden aus Widerstand gegen soziale Ungleichheit, Verdrängung oder andere Entwicklungen, die von den lokalen Gemeinschaften als problematisch wahrgenommen wurden. Häufig besteht dieser Widerstand nicht nur aus Protest, sondern in der Schaffung von Alternativen: Die Initiativen entwickeln eigene Formen der Organisation, schaffen Räume für gemeinschaftliches Handeln und stärken damit ihre lokalen Gemeinschaften.

„Wir verstehen Resilienz als die Fähigkeit, sich in Zeiten stetigen Wandels zu entfalten – nicht nur durch Anpassung, sondern durch Transformation bestehender Strukturen. Unsere Analyse zeigt, dass die Claimed Spaces vor allem die individuelle und soziale Dimension von Resilienz stärken. Die Beteiligten entwickeln ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl, bauen tragfähige soziale Netzwerke auf und gewinnen Vertrauen in ihre Fähigkeit, gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen“, erläutert Erstautorin Nicolina Kirby vom RIFS.

Bei allen untersuchten Initiativen identifizierten die Forschenden fünf gemeinsame Merkmale, die Resilienz fördern: enge persönliche Beziehungen, Zusammenarbeit über soziale Unterschiede hinweg, Offenheit gegenüber der Nachbarschaft, unterschiedliche Möglichkeiten zur Beteiligung und gemeinsames Lernen.

Resilienz ermöglicht Widerstand – und Widerstand schafft Räume für Resilienz

Die Studie zeigt, dass Resilienz und Widerstand in den untersuchten Gemeinschaften eng miteinander verbunden sind. Die Fähigkeiten und sozialen Beziehungen, die Menschen durch ihre Beteiligung entwickeln, helfen ihnen, kollektives Engagement auch über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Zugleich entstehen viele der untersuchten Räume überhaupt erst aus dem Widerstand gegen bestehende Strukturen.

Die Ergebnisse verdeutlichen einen Unterschied zu Beteiligungsformaten, die von Kommunen oder anderen Institutionen initiiert und zeitlich oder thematisch begrenzt werden. In selbstorganisierten Räumen entscheiden die Beteiligten selbst, welche Themen für sie relevant sind, wie sie sich organisieren und welche Strukturen sie gemeinsam aufbauen wollen. Beteiligung wird dadurch nicht zu einem punktuellen Ereignis, sondern Teil des alltäglichen Lebens.

Da die untersuchten Orte zum großen Teil jedoch der Stadt Barcelona gehören und zivilgesellschaftlich verwaltet sind, ist auch eine Zusammenarbeit mit der Stadt gefordert. Diese wurde von den Interviewten unterschiedlich bewertet, so Kirby: „Die Zusammenarbeit ist teilweise sehr produktiv, aber manchmal hegen die ungleichen Machtverhältnisse den Widerstand auch ein, zum Beispiel wenn es um offenen Protest gegen die aktuelle Stadtregierung geht.“

Infrastruktur für demokratische Teilhabe

Aus Sicht der Forschenden sind selbstorganisierte Räume deshalb mehr als Orte für bürgerschaftliches Engagement. Sie bilden eine wichtige Infrastruktur für die Resilienz lokaler Gemeinschaften und für demokratische Teilhabe. Indem Menschen dort gemeinsam handeln, Wissen und Fähigkeiten entwickeln und alternative Strukturen aufbauen, stärken sie ihre Fähigkeit, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren und diese selbst mitzugestalten.

Die Autorinnen plädieren daher dafür, die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für solche Räume zu stärken und ihre langfristige Existenz zu sichern, ohne ihre Selbstbestimmung einzuschränken. Eine solche Infrastruktur könne lokale Gemeinschaften resilienter machen, neue Formen des gemeinschaftlichen Handelns ermöglichen und demokratische Teilhabe stärken.

Kirby, N., & Pera, M. (2026). Claimed spaces of participation and their role in strengthening community resilience and resistance. Journal of Urban Affairs, 1–28. https://doi.org/10.1080/07352166.2026.2699121

Kontakt

Nicolina Kirby

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
nicolina [dot] kirby [at] rifs-potsdam [dot] de

Dr. Bianca Schröder

Referentin Presse und Kommunikation
bianca [dot] schroeder [at] rifs-potsdam [dot] de
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