Klimapolitik: Akzeptanz beeinflusst die Wahrnehmung der Wirksamkeit
22.09.2026
Eine Studie vom RIFS Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) untersucht das Verhältnis zwischen Akzeptanz klimapolitischer Maßnahmen und deren wahrgenommener Wirksamkeit. Die klassische Annahme, dass Menschen eine Politik aufgrund ihrer Effektivität unterstützen, trifft nach den Studienergebnisse nur teilweise zu. Vielmehr scheint es so zu sein, dass andere Maßnahmenmerkmale wie etwa eine faire Kosten-Nutzen-Verteilung die wahrgenommene Wirksamkeit stärker beeinflussen. Dies sollte bei Gestaltung und Kommunikation von Klimaschutzmaßnahmen künftig bedacht werden, sagt Erstautor Jean-Henri Huttarsch.
In der Klimapolitikforschung wird darüber diskutiert, ob die wahrgenommene Wirksamkeit einer Maßnahme deren Akzeptanz nach sich zieht – oder ob an erster Stelle eine befürwortende Einstellung stehen muss, damit jemand geneigt ist, auch die Wirksamkeit der Maßnahme positiv einzuschätzen. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass beide Wirkrichtungen gleichzeitig ablaufen. Sie basiert auf einer experimentellen Umfrage mit knapp 2.600 Befragten aus der deutschen Bevölkerung zur Dekarbonisierung des Wärmesektors.
Die meisten Akzeptanzmodelle gehen davon aus, dass Bürger*innen zunächst die Effektivität eines Instruments bewerten. Aus dieser (und anderen Bewertungen) leitet sich dann ab, ob eine Maßnahme grundsätzlich befürwortet wird oder nicht. Die vorliegende Studie zeigt indes, dass hinsichtlich der Wirksamkeitsbewertung bei den meisten die umgekehrte Richtung zutreffender sein könnte: Die Wirksamkeitsbewertung sei bei den meisten keine Bedingung für die allgemeine Befürwortung einer Maßnahme, sondern eine Folge daraus. Laut der Studie würde erstere Wirkrichtung zwar auf manche Personen zutreffen. Die umgekehrte Wirkrichtung sei aber verbreiteter und damit der allgemeingültigere Prozess: Maßnahmen werden abhängig davon, wie stark sie in das eigene Leben eingreifen und wie fair sie gestaltet sind, befürwortet oder nicht. Erst diese grundsätzliche positive oder negative Haltung gegenüber einer Maßnahme führe dazu, dass dieselbe Maßnahme als wirksamer oder weniger wirksam bewertet würde.
Angewandte Methodik
Im Experiment wurde den teilnehmenden Personen drei Maßnahmenvorschläge für den privaten Heizungstausch zu klimafreundlichen Modellen zufällig zusammengestellt unterbreitet. Einerseits wurde auf den Heizungstausch hingewirkt, indem die Nutzung klimaschädlicher Technik verteuert wurde (push), andererseits wurde der Wechsel auf klimafreundliche Technik gefördert (pull). Zusätzlich erhielten alle befragten Haushalte dieselbe Verteuerung oder Förderung, oder es war nach Energieverbrauch (Verursacherprinzip) als auch nach Einkommen gestaffelt (Bedarfsprinzip). Schließlich erhielten die Befragten Informationen, ob die geschätzte Wirksamkeit mäßig oder stark ausfallen würde. Erst an diesem Punkt entschieden die Befragten, ob sie die Maßnahme befürworten, ablehnen und für wie wirksam sie sie hielten.
Auf diesem Weg konnte einerseits geschätzt werden, welche der drei Stellschrauben (Maßnahmentyp, Fairnessprinzip und Wirksamkeitsinformation) einen wie großen Einfluss auf Akzeptanz und wahrgenommene Wirksamkeit hat. Andererseits konnte eingeschätzt werden, ob eher die Kommunikation von Wirksamkeit die Wahrnehmung verbessert und anschließend die Akzeptanz steigt. Oder ob umgekehrt andere Maßnahmenmerkmale wie Anreiztyp oder Verteilprinzip zunächst die Akzeptanz steigern und die Menschen aufgrund der befürwortenden Haltung die Maßnahme für wirksamer halten. Letzteres spräche für eine „einstellungskongruente Informationsverarbeitung“: Bedeutet, die Wirksamkeit wird so eingeordnet, dass sie mit bereits bestehenden Urteilen übereinstimmt.
Mit dem letzten Wirkpfad lagen die Daten mehr im Einklang. Im Durchschnitt befürworten Menschen Förderinstrumente, die nach dem Verursacherprinzip („der Verschmutzer zahlt“) oder nach dem Bedarfsprinzip gestaltet sind, eher als gleichverteilte Verteuerungsinstrumente. Diese höhere Akzeptanz bewirkt, dass selbige Maßnahmen als wirksamer eingestuft wurden.
Unterschiedliche Reaktionen je nach politischer Haltung
Die Studie zeigt außerdem, dass die Reaktion auf Informationen zur Wirksamkeit stark von der jeweiligen klimapolitischen Einstellung abhängt. Bei Personen, die politisches Handeln zur Steuerung von klimarelevantem Verhalten grundsätzlich unterstützen oder eher unentschlossen sind, greift zusätzlich zum einstellungskongruenten der üblicherweise angenommene Weg: Hier führen zusätzliche Informationen über eine hohe Wirksamkeit tatsächlich zu mehr Befürwortung.
Bei Personen, die dieser politischen Steuerung grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, zeigt sich dieses Muster nicht. Für diese Gruppe scheint die reine Kommunikation von Effektivitätsversprechen keinen Einfluss auf die Akzeptanz zu haben. Allein der einstellungskongruente Weg trifft hier zu: Die Überzeugung, eine Maßnahme sei wirksam, entspringt bei dieser Zielgruppe Maßnahmen, die als fair und mit geringen negativen persönlichen Auswirkungen gestaltet wurden. Eine Kommunikationsstrategie, die lediglich die technische Wirksamkeit betont, erreicht diese Gruppe somit nicht.
Empfehlung für Politikerinnen und Politiker
Für die Politikgestaltung bedeutet dies, dass bei Skeptikern das Design von Maßnahmen – insbesondere hinsichtlich Fairness und persönlicher Belastung – Vorrang vor der Kommunikation von Effektivitätsdaten haben sollte. Erstautor Jean-Henri Huttarsch: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir für die Popularität von Klimaschutzmaßnahmen deren Gestaltung und Kommunikation überdenken müssen. Um alle Menschen zu erreichen, reicht es nicht, nur die technische Wirksamkeit zu betonen. Fair und persönlich zumutbar gestaltete Maßnahmen sind für alle Menschen zentral. Wenn es damit klappt, folgt daraus auch eine positive Bewertung der Klimawirkung.“
Publikation:
Huttarsch, JH., Wolf, I.: Conditional bidirectionality between climate policy acceptance and perceived effectiveness, Communications Sustainability 1, 141 (2026). https://doi.org/10.1038/s44458-026-00149-0
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