Klaus Töpfer Sustainability Fellowship: Lieselotte Viaene entwickelt Leitlinien für ethische transdisziplinäre Zusammenarbeit
20.07.2026
Wie kann die Kooperation von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener wissenschaftlicher und künstlerischer Fächer besser gelingen? Zwar finden partizipative und ko-kreative Ansätze zunehmend Anklang, doch mangelt es ihnen laut der belgischen Rechts- und Umweltanthropologin Lieselotte Viaene oft an einer ausreichenden Verankerung in Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Fürsorge – insbesondere bei der Zusammenarbeit mit historisch marginalisierten Gemeinschaften. Als Klaus Töpfer Sustainability Fellow 2026/27 wird sie am RIFS Leitlinien ko-kreativ ausarbeiten, um die wissenschaftlich-künstlerische Zusammenarbeit auf ein neues Fundament zu stellen.
Für Lieselotte Viaene ist der Aufenthalt in Potsdam eine weitere Station in ihrem von inter- und transdisziplinärer Neugier und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung geprägten Werdegang. „Ich komme aus der Arbeiterklasse und habe mich schon immer für die gesellschaftlichen Auswirkungen der Forschung auf die Menschen interessiert. Rein theoretische akademische Debatten haben mich nie besonders gereizt. Wenn Forschung öffentlich finanziert wird, sollte sie meiner Meinung nach eine Wirkung über den akademischen Bereich hinaus haben.“
Die Idee für ihr RIFS-Projekt entstand aus dem EU-Forschungsprojekt „RIVERS – Water/Human Rights Beyond the Human?“ (2019-2026) heraus, in dem es um Umweltschäden und indigenes Wissen in Nepal, Kolumbien, Guatemala und im Umfeld der Vereinten Nationen ging. Von der Universität Gent aus koordinierte Viaene ein internationales Team aus indigenen und nicht-indigenen Forschenden sowie Künstlerinnen und Künstlern.
Von Pipelines und Paragrafen
„Indigene Gemeinschaften betrachten Flüsse und Land oft als lebendige, heilige Wesen. Wenn eine Ölpipeline einen Fluss verschmutzt, sehen sie darin nicht nur einen Schaden für das Ökosystem, sondern auch für spirituelle Wesen und Wächter“, erläutert Viaene. Traditionell werde das Wissen dieser „mehr-als-menschlichen“ Entitäten von Schamanen, Heilern und Ältesten durch Rituale und spirituelle Praktiken interpretiert. Indigene Juristen und Richter ständen dann vor der Herausforderung, deren Aussagen in die Sprache und die Kategorien des europäisch und westlich geprägten Rechts zu übersetzen.
„Vor Gericht gab es bereits einige Erfolge, vor allem mit der Durchsetzung von ‚Rechten der Natur‘ – einem Konzept, das Indigene Vorstellungen nicht vollständig erfasst, aber am ehesten in westliche Rechtssysteme passt.“ In wissenschaftlichen Publikationen, einer Podcastreihe und zwei Dokumentarfilmen beschrieben Viaene und ihre Kolleginnen und Kollegen den Konflikt zwischen Indigenen Wissenssystemen und dem „westlich“ geprägten Rechtssystemen.
Treffen online und in Nepal
Die Arbeit habe sowohl das Potenzial als auch die Herausforderungen verdeutlicht, die mit der Zusammenarbeit von Forschenden, Künstlerinnen und Mitgliedern der lokalen Gemeinschaften verbunden sind. „Immer wieder tauchten Fragen zu Urheberschaft, Ethik, Repräsentation und verschiedenen Arten der Wissensproduktion auf, für die Lösungen erst gesucht werden mussten.“ Die praktische Handreichung, die die Klaus-Töpfer-Stipendiatin in einem Team aus aktivistischen Forschenden und bildenden Künstlerinnen und Künstlern aus Ländern wie Nepal, Sri Lanka, Indien, Brasilien, Großbritannien, Portugal, Belgien und Deutschland erarbeiten wird, sollen künftige transdisziplinäre Kooperationen fördern.
Auf der Agenda stehen Fragen wie: Wie gehen wir mit institutionellen Zwängen – Förderprogrammen, universitären Vorgaben, administrativen und rechtlichen Rahmenbedingungen – im Rahmen transdisziplinärer Kooperationen um? Wie kann Forschung auf ethische Weise mit nicht-menschlichen Entitäten als Subjekten statt als Objekten umgehen? Wie können wir Machtungleichgewichte abbauen, die akademische Strukturen, Förderregelungen und Autorenschaftspraktiken prägen?
Neben Online-Treffen ist für den Herbst ein viertägiges „Living Lab“ in Nepal geplant. Zu den Teilnehmenden zählen die Mitglieder des Teams eines im Rahmen des EU-Projekts RIVERS produzierten Dokumentarfilms sowie Forschende des RIFS mit Erfahrung in transdisziplinärer und künstlerischer Zusammenarbeit. Das daraus resultierende Toolkit soll im nächsten Jahr sowohl der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch einem Publikum aus den Bereichen Kunst und Film vorgestellt werden.
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Lieselotte Viaene
