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Nachhaltigkeit | am GFZ

Indiens Übergang zu grünem Wasserstoff

12.08.2026

Wie kann Indien den Übergang zu grünem Wasserstoff gestalten? Welche Hindernisse treten dabei auf und welche politischen Rahmenbedingungen sind dafür notwendig? Diese Fragen untersucht Dwarkeshwar Dutt im Discussion Paper „India's Emerging Green Hydrogen Transition“ als Teil der am RIFS veröffentlichten Serie zum weltweiten Wasserstoffübergang.

Digital map of India

Indien verfolgt mit der National Green Hydrogen Mission (NGHM) das Ziel, eine globale Führungsposition im Sektor des grünen Wasserstoffs einzunehmen. Bis 2030 sollen jährlich mindestens fünf Millionen Tonnen Wasserstoff produziert werden, mit dem Potenzial auf eine Verdoppelung und mit Fokus auf den Export. Zudem strebt Indien an, etwa zehn Prozent des globalen Marktes für grünen Wasserstoff zu liefern. Dafür wurden über zwei Milliarden US-Dollar bereitgestellt, um die kommerzielle Produktion zu intensivieren.

Einige privatwirtschaftliche Unternehmen investieren ebenfalls in die Technologie, wie etwa „Reliance Industries“, was die Kosten für grünen Wasserstoff innerhalb eines Jahrzehnts auf unter einen US-Dollar pro Kilo senken soll. Das Unternehmen plane Investitionen von zehn Milliarden US-Dollar in Fertigungskapazitäten – auch in Elektrolyseure. Ebenso habe die ACME Group bereits eine Pilotanlage in Bikaner (Rajasthan) in Betrieb genommen und Unternehmen wie NTPC planten Produktionshubs beispielsweise in Andhra Pradesh, primär für den Export von Derivaten wie grünen Ammoniak und Methanol.  

Aber nicht nur für den Export komme grüner Wasserstoff infrage, so Autor Dwarkeshwar Dutt, sondern er könnte vor allem in der Düngemittelproduktion eine wichtige Rolle spielen - und die heimische Resilienz stärken. Denn Indien sei zweifach auf Einfuhren angewiesen: auf Stickstoffdünger wie auf Erdgas. Geopolitisch bedingte Preissprünge und Lieferunterbrechungen beeinflussten daher direkt die Düngemittelkosten und Versorgungslage. Im Inland produzierter grüner Wasserstoff könnte folglich importiertes Erdgas ersetzen und einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten.

Globale Märkte und „Wasserstoff-Diplomatie“

Indien positioniere sich als kostengünstiger Exporteur für Regionen, die traditionell Energie-importeure sind, wie die EU, Japan oder Südkorea. Das im Januar 2026 finalisierte Freihandelsabkommen (FTA) zwischen Indien und der EU soll den Marktzugang verbessern und Investitionen in Höhe von etwa zehn Milliarden US-Dollar auslösen. Ein deutsch-indisches Projekt ziele darauf ab, den Hafen Mulapeta bis 2029 in einen globalen Hub für grünen Wasserstoff und sauberes Ammoniak zu verwandeln. Und mit Japan bestünde eine enge Kooperation in Forschung und Entwicklung, insbesondere zur Senkung der Elektrolyseurkosten.

Ein wesentliches Fazit von Dutts Untersuchung ist zudem die Erkenntnis, dass die Dekarbonisierung nicht mehr nur aus ökologischen Gründen vorangetrieben werde, sondern zunehmend vom Bedürfnis nach Energiesicherheit motiviert ist. So hebt der Autor hervor, dass geopolitische Schocks wie die Kriege in der Ukraine und im Iran die Energiewende antreiben. Diese Krisen legen offen, dass die Sicherung der Energieversorgung untrennbar mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und neuer Technologien wie Wasserstoff verbunden sei, argumentiert Dutt.

Er sieht großes Potenzial bei einer strategischen Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und Indien: Während der "Globale Norden" (die EU) seine Energieversorgung durch Importe sichern möchte, könne der "Globale Süden" (Indien) durch massive Investitionen in nachhaltige Energietechnologien seine eigene Kapazität erweitern und die wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Dekarbonisierung der Industrie und CBAM

Das EU-Instrument CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism), das seit Januar 2026 Ausgleichszahlungen vorsieht, zwinge indische Exporteure (insbesondere in der Stahlindustrie) zur Dekarbonisierung, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So soll grüner Wasserstoff Kohle und Erdgas ersetzen. Unternehmen wie Jindal Steel, Tata Steel und JSW Energy haben bereits erste Anlagen oder Transportlösungen implementiert.

Trotz der ersten Erfolge gibt es strukturelle Hürden. Die Produktionskosten liegen derzeit deutlich über den Kosten für konventionellen Wasserstoff. Großprojekte für erneuerbare Energien führen oft zu Landnutzungskonflikten mit lokalen Gemeinschaften und die Elektrolyse ist wasserintensiv, was in einem wasserstressgefährdeten Land wie Indien zu Konflikten mit der Nahrungsmittel- und Trinkwassersicherheit führen kann. Zudem mangele es an einem dezidierten Pipeline-Netzwerk, und es klaffe eine Lücke bei der Elektrolyseure-Kapazität: Für das Ziel von mindestens fünf Millionen Tonnen werden 55 bis 65 Gigawatt benötigt, installiert waren bis September 2025 jedoch nur rund ein Gigawatt.

Politische Empfehlungen

Wissenschaftler Dutt schlägt vier politische Maßnahmen vor:
1.    Finanzielle Unterstützung: Erhöhen der Kapitalsubventionen (v.a. in der Frühphase), zinsgünstige Finanzierung über multilaterale Entwicklungsbanken sowie steuerliche Erleichterungen und der Verzicht auf zwischenstaatliche Übertragungsentgelte 
2.    Regulatorische Vereinfachung: Fast-Track-Verfahren einführen und Single-Window-Portale für Projektgenehmigungen 
3.    Ausbau von F&E und Infrastruktur: Partnerschaften stärken zwischen Industrie, Regierung und Wissenschaft sowie Lieferketten aufbauen – Pipelines, Tanker, Zwischenspeicher und Verteilnetze
4.    Nachfragesteuerung: Verpflichtung zur Nutzung von grünem Wasserstoff in Sektoren wie der Düngemittelproduktion und Erdölraffinerien

Mehr Informationen:
Die Serie - herausgegeben von Yana Zabanova und Rainer Quitzow - über „Die Geopolitik von Wasserstoff“ umfasst verschiedene Case Studies von Europa, Brasilien bis China, die in zwei Bänden veröffentlicht wurden, dieses Discussion Paper ergänzt die Reihe mit dem Fokus auf Indien.

Publikation:
Dutt, Dwarkeshwar: India's Emerging Green Hydrogen Transition: Ambitions, Barriers and Policy Directions. RIFS Discussion Paper, June 2026.
 

Kontakt

M. A. Sabine Letz

Referentin Presse
sabine [dot] letz [at] rifs-potsdam [dot] de

Dr. Yana Zabanova

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
yana [dot] zabanova [at] rifs-potsdam [dot] de

Prof. Dr. Rainer Quitzow

Forschungsgruppenleiter
rainer [dot] quitzow [at] rifs-potsdam [dot] de
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