Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Gezielte Förderung und struktureller Wandel: Wie klimafreundliche Lebensstile einfach werden

24.06.2026

Ein Team um Doris Fuchs, Direktorin des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS), hat in fünf europäischen Ländern untersucht, wie ein klimafreundliches Leben möglich wird. Änderungen in den Bereichen Mobilität und Heizen erbringen die größten Emissionseinsparungen und könnten den durchschnittlichen CO2 Ausstoß pro Person bis 2030 um bis zu 25 Prozent senken. Vorausgesetzt, es gibt passende politische Rahmenbedingungen.

Für ein klimafreundliches Leben braucht es passende politische Rahmenbedingungen.
Für ein klimafreundliches Leben braucht es passende politische Rahmenbedingungen.

Sechs Maßnahmen sind es, die laut der Studie „Enabling 1.5 °C lifestyles in Europe: Lifestyle options and structural change for Transformation“ im europäischen Durchschnitt bis 2030 die höchsten CO₂ Reduktionen pro Kopf erzielen können: Der Umstieg von Verbrennungsmotoren auf den öffentlichen Nahverkehr, den Rad  und Fußverkehr oder auf Elektrofahrzeuge - dies würde den individuellen Fußabdruck um bis zu 25 Prozent senken. Darauf folgt das Umstellen von fossilen Heizungen auf Wärmepumpen oder Biomassekessel – was zirka minus 10 [MT1.1]Prozent bedeuten würde. Einen ähnlichen Effekt von etwa minus 9 Prozent hat eine vorwiegend vegane oder stark an tierischen Produkten reduzierte Ernährung (Stichwort: Planetary Health Diet). Auch die Reduktion kohlenstoffintensiver Freizeitaktivitäten kann viel bewirken, insbesondere der Verzicht auf häufige und lange Flugreisen. Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen dabei, dass sich diese Maßnahmen auf breiter Basis nur durch eine weitreichende Veränderung politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Strukturen durchsetzen lassen.

„Die Umstellung auf einen klimafreundlichen Lebensstil ist kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt“, sagt Erstautorin und Projektleiterin Doris Fuchs über die Studienergebnisse. „Solchen Lebensstiländerungen, die zu Emissionsreduktionen im Sinne des 1,5-Grad-Ziels führen, stehen wirkmächtige Hürden im Weg. Unser Projekt zeigt: Nur wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft strukturelle Veränderungen anstoßen, lassen sich diese überwinden und erst dann können wir die Emissionen auf ein tragbares Maß senken.“ 

Strukturelle Hindernisse und Akzeptanz der Maßnahmen 

Stakeholder Workshops identifizierten dabei sieben Schlüsselfaktoren, die kohlenstoffarme Lebensstile erschweren: 

  1. Die fortbestehende undifferenzierte Orientierung an Wirtschaftswachstum, die klimaschädliches Wirtschaften und Handeln begünstigt. 
  2. Eine mangelnde Integration unterschiedlicher Politikbereiche – Mobilität, Energie, Wohnen und Soziales werden häufig in Silos behandelt. 
  3. Starke Interessenverflechtungen zwischen Industrie und Politik, die den nicht-nachhaltigen Status quo erhalten. 
  4. Eine fehlende Internalisierung von Umwelt  und Sozialkosten sowie fortbestehende Subventionen, etwa für fossile Heizungen. 
  5. Gesellschaftliche Wohlstandsnarrative, die materiellen Konsum als Maß für Erfolg festigen. 
  6. Soziale Ungleichheiten, die den Zugang zu nachhaltigen Optionen und politischer Mitbestimmung einschränken. 
  7. Wissenslücken, die das Verständnis für Klimaschutz und dessen praktische Umsetzung im Alltag erschweren.

Ko-kreative Workshops in Deutschland, Ungarn, Lettland, Spanien und Schweden mit Bürgerinnen und Bürgern zeigten, dass technikorientierte Optionen, wie eine effiziente Beleuchtung oder Wärmepumpen, deutlich höhere Akzeptanzraten von teils über 90 Prozent erreichen konnten als rein verhaltensbasierte Änderungen wie eine Reduzierung der Wohnfläche. Die Teilnehmenden nannten häufig Kosten, Komfort und fehlende Infrastruktur als Hindernisse. Diese gilt es zu adressieren, um nachhaltige Entscheidungen einfach, attraktiv und gerecht zu machen.

Fazit und Handlungsempfehlungen 

Selbst bei einer nahezu vollständigen Umsetzung der identifizierten Lebensstiloptionen bleiben die Emissionsziele für 2030 in mehreren Fallländern unerreicht. Die Studie unterstreicht, dass wirksame Klimaschutzstrategien in Europa künftig auf einer doppelten Ebene operieren müssen: Eine gezielte Förderung der am stärksten wirkenden Verhaltensänderungen muss gepaart werden mit strukturellen Reformen, die diese Änderungen erst ermöglichen und stabilisieren. 

Aus den Workshops mit Stakeholdern aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in den fünf Fallländern sowie auf europäischer Ebene kristallisierten sich drei konkrete Strategien heraus, um für einen solchen umfassenden strukturellen Wandel zu mobilisieren. Besonders wesentlich dabei: sozial-ökologische Gerechtigkeit in den Vordergrund zu stellen. Für politische Maßnahmen bedeutet dies, vor allem die öffentliche Vorsorge zu stärken, etwa durch Investitionen in Infrastrukturen für den öffentlichen Nahverkehr oder in sozial-ökologischen Wohnungsbau. Solche Maßnahmen ermöglichen es, soziale und ökologische Ziele miteinander zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen. Zudem werden sie als legitim und gerechter wahrgenommen. Beides würde die demokratische Resilienz stärken.

Zusätzlich kann die Einführung mandatierter, inklusiver und transparenter Bürger*innen-Räte einen Gegenpol zum politischen Einfluss von Partikularinteressen setzen und damit auch auf politischer Ebene zu mehr Gerechtigkeit führen. Nur über einen integrierten Ansatz, der Veränderungen in den Bereichen Mobilität, Heizen und Ernährung mit umfassenden politischen und ökonomischen Reformen und sozialer Gerechtigkeit verknüpft, können die im Pariser Abkommen vereinbarten CO₂ Reduktionen realisiert werden. 
 

Publikation: Fuchs, D., Kreinin, H., Becker, L. M., Berendt, P. J., Brizga, J., Cap, S., Coscieme, L., Domröse, L., Dumitru, A., Laksevics, K., Lehner, M., Lettenmeier, M., Losada-Puente, L., Mont, O., Ozcelik, N., Plepys, A., Richter, J., Scherer, L., Tornow, M., Vadovics, E., Vadovics, K., & EU 1.5° Lifestyles Consortium (2026). Enabling 1.5 °C lifestyles in Europe: lifestyle options and structural change for transformation. Sustainability: science, practice, and policy, 22(1): 2657131. doi:10.1080/15487733.2026.2657131.

Kontakt

M. A. Sabine Letz

Referentin Presse
sabine [dot] letz [at] rifs-potsdam [dot] de
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