Fürsorge als Leitprinzip: Sammelband gibt Impulse zum Wiederaufbau der Ukraine
09.01.2026
Das Leben der Menschen in der Ukraine geht trotz der russischen Angriffe weiter. Besonders dringlich ist die materielle Versorgung mit Strom, Wasser oder Medikamenten. Aber der Wiederaufbau umfasst weitere Fragen, etwa nach der Neudefinition von Machtverhältnissen, der kulturellen Identität und der ökologischen Erholung. Ein Sammelband, herausgegeben von RIFS-Fellow Anastasiia Zhuravel, wirft Schlaglichter auf politische, ethische und ästhetische Fragen des Wiederaufbaus.
Die Publikation „The Shape of Recovery“ untersucht den Wiederaufbau der Ukraine nicht als eine lineare Abfolge der Wiederherstellung von zerstörter Infrastruktur, sondern als einen vielschichtigen Prozess der Transformation. Es geht um die Neugestaltung von Beziehungen, die Neuverteilung von Machtbefugnissen und die Neuplanung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Die Publikation zeigt, wie Fachleute, Forschende und Gemeinschaften unter den Bedingungen des Krieges und der Ungewissheit an der Wiederherstellung der sozialen und ökologischen Grundlagen des Landes arbeiten. Sie gliedert sich in drei miteinander verbundene Themenbereiche.
Im ersten Teil geht es darum, wie sich Regierung, Staat und gemeinschaftliches Zusammenleben verändern können, wenn bürgerschaftliches Engagement und dezentrale Strukturen im Mittelpunkt stehen. Untersucht wird, wie Gemeinschaften und Institutionen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zusammenarbeiten, um nicht nur die Verwaltung zu stärken, sondern auch Vertrauen und Mitbestimmung zurückzugewinnen – beides zentrale Voraussetzungen für eine widerstandsfähige Demokratie. Der Wiederaufbau wird dabei als Aufgabe der Zivilgesellschaft verstanden, bei der Macht neu verteilt wird und neue Formen gemeinsamer Verantwortung entstehen.
Der zweite Teil widmet sich dem Thema Wohnen und Wiederaufbau. Wohnen, Architektur und Stadtplanung werden dabei als Bereiche verstanden, in denen neu ausgehandelt wird, was Fürsorge, Sicherheit und Zugehörigkeit bedeuten. Angesichts von Vertreibung und knappen Ressourcen ist Gestaltung weniger eine rein technische Aufgabe, sondern vor allem ein Mittel, um sich an die Gegebenheiten anzupassen und neue Zukunftsbilder zu entwickeln. Die Diskussion reicht von bezahlbarem Wohnraum und nachhaltigem, ressourcenschonendem Bauen bis hin zu mehr Mitbestimmung in der Architektur. So wird die gebaute Umwelt zugleich als notwendige Infrastruktur und als soziale Praxis betrachtet, die den gemeinsamen Erholungs- und Wiederaufbauprozess prägt.
Der dritte Teil beschäftigt sich mit der ökologischen Transformation. Der Krieg hat die natürlichen Lebensräume der Ukraine – Flüsse, Wälder und Böden – schwer geschädigt und sie zugleich zu stillen Zeugen der Gewalt gemacht. Zerstörte Ökosysteme, Wasserknappheit und Umweltverschmutzung werfen grundlegende Fragen darüber auf, wie Wiederherstellung verantwortungsvoll und gerecht gestaltet werden kann. In diesem Teil wird gezeigt, wie beschädigte Landschaften trotzdem Ausgangspunkt für Erneuerung sein können und wie ökologische Wiederherstellung mit Themen wie Gerechtigkeit, Erinnerung und Selbstbestimmung verbunden ist.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Nachhaltigkeit im ukrainischen Kontext nicht auf Messwerte oder Rahmenwerke reduziert werden kann, sondern als eine Praxis der Fürsorge verstanden werden muss - gegenüber dem Territorium, der Gemeinschaft und der Umwelt. Die versammelten Beiträge widersetzen sich der Fragmentierung und bieten stattdessen eine Vision des Übergangs, die auf Solidarität und Hoffnung beruht.
Eine Buchvorstellung in Anwesenheit der Herausgeberin und mehrerer Autorinnen und Autoren findet am 23. Januar 2026 in Berlin statt.
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