Nachhaltigkeitspolitik unter Druck: Wissenschaft als Brückenbauerin in gespaltenen Zeiten?
09.09.2026
Die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) gehören zu den wenigen Themen, bei denen sich die internationale Staatengemeinschaft grundsätzlich und auf dem Papier einig ist – zumindest schien es in der Vergangenheit so. Die Agenda 2030 wurde 2015 durch die Vereinten Nationen verabschiedet. Das High Level Political Forum (HLPF) zur Umsetzung der SDGs, welches im Juli bei den Vereinten Nationen in New York stattfand, zeigte jedoch deutlicher denn je, dass zwischen Beschlüssen und Umsetzung eine immer größer werdende Lücke klafft. Zudem wurden die Verhandlungsprozesse für die Zeit nach 2030 noch nicht offiziell angestoßen.
Diese Herausforderungen resultieren nicht nur aus einem Erkenntnisproblem. Sie sind auch ein Verbindungsproblem. Genau hier kommt eine Akteurin ins Spiel, die in der öffentlichen Debatte oft unterschätzt wird: die Wissenschaft. Nicht nur als Fakten- und Gutachtenlieferantin, die Umsetzungsfortschritte im Nachhinein bewertet, sondern als Unterstützerin, die zwischen politischen Ebenen und Partikularinteressen vermitteln kann. Darüber hinaus agiert die transdisziplinäre Forschung als Wegbereiterin, die politische Prozesse anstoßen kann, indem sie nicht oder nicht ausreichend repräsentierten Interessen eine Stimme verleiht, etwa der Umwelt und den künftigen Generationen.
Global, national, lokal – drei Ebenen und ihre Herausforderungen
Eine politische Kluft verläuft zwischen den Umsetzungsebenen. Die Agenden werden irgendwo auf der Welt verhandelt, in Berlin in nationale Strategien übersetzt und müssen am Ende in einer Gemeinde in Sachsen, einem Landkreis in Bayern oder einer Kleinstadt in NRW konkret werden. Gleichzeitig treten auf jeder dieser drei Ebenen spezifische Herausforderungen auf.
Die globale Ebene denkt in übergreifenden, international zu verhandelnden Zielen,dazu gehörenden Indikatoren und Berichtspflichten. Sie muss, heute mehr denn je, nationale geopolitische und -ökonomische Interessen und Kapazitäten unter einen Hut bringen, wenn sie denn eine Chance haben will, dass die verhandelten Verträge mehr sind als nur Rhetorik.
Die nationale Ebene übersetzt, im besten Fall, die globalen Rahmensetzungen in Gesetze und Förderprogramme. Sie muss genauso zwischen einflussreichen Interessen wie auch gesellschaftlichen Perspektiven vermitteln, deren Konflikte untereinander von Populisten genutzt und von Medien befeuert werden. Aktuell stehen nationale Sicherheitsinteressen, wirtschaftliches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit hoch auf den staatlichen Agenden. Integrative Rahmensetzungen wie die nationalen Nachhaltigkeitsstrategien werden als Klammern für die Aushandlung von Zielkonflikten zwischen Partikularinteressen nur unzureichend genutzt.
Auf der lokalen Ebene schlagen konkrete Verteilungsfragen zum Beispiel in der Form von Flächennutzungskonflikten auf. Hier wird der politische Wettbewerb um Akzeptanz besonders deutlich. Gleichzeitig ergeben sich manchmal Handlungsmöglichkeiten abseits der Barrieren der internationalen Politik und globalen Wirtschaft.
Schließlich wird auf allen Ebenen der Konflikt verhandelt zwischen (kurzfristigen) polit-ökonomischen Interessen und dem (langfristigen) Schutz der ökologischen Grundlagen für alle, die jetzt und in Zukunft leben. Letztendlich sind Verteilungsfragen zentral, insofern unsere ökologischen Krisen wie auch die mangelnde Umsetzung der Agenda 2030 ursächlich mit sozio-ökonomischer und politischer Ungleichheit verbunden sind.
Wissenschaft als Brückenbauerin
Umso mehr braucht es Organisationen, die Prozesse und Herausforderungen auf den unterschiedlichen Ebenen und zwischen unterschiedlichen Akteuren verstehen und ihre Bearbeitung unterstützen können - Wissenschaft kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie kann nicht nur den jeweiligen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis als Realitätscheck in die politischen Prozesse geben, sondern sie kann dazu beitragen, dass die unterschiedlichen Interessen und Perspektiven sichtbar werden. Darüber hinaus kann transdisziplinäre Forschung helfen, Problemdefinitionen und Lösungsoptionen mit allen Beteiligten gemeinsam zu erarbeiten, um einer erfolgreichen Aushandlung und Umsetzung der vereinbarten Ziele den Weg zu bereiten.
Allerdings sind wissenschaftliche Strukturen nach wie vor oft nicht ausreichend fähig, genau diese Unterstützungs- und Übersetzungsarbeit zu leisten. Die entsprechenden Verfahren sind ressourcenintensiv und brauchen nicht nur umfangreiche interdisziplinäre, sondern auch transdisziplinäre Prozess-Expertise. Gleichzeitig resultiert diese Arbeit meist nicht in dem, was aus traditioneller wissenschaftlicher Sicht die Lorbeeren von „Exzellenz“ verschafft. Auch sind die Kontexte oft noch nicht offen für diese Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit. In den politischen Arenen überwiegt nach wie vor die Aneinanderreihung von Statements, ohne Raum für echten Austausch und das Erarbeiten gemeinsamer Problem- und Lösungsverständnisse zu geben.
Es gibt jedoch auch Fortschritte in der wissenschaftlichen und politischen Anerkennung des Wertes transdisziplinärer Forschung sowie Gelegenheitsfenster, die man nutzen kann und nutzen muss,um die politisch gesteckten Nachhaltigkeits-Ziele zu erreichen . Die deutsche Delegation beim HLPF brachte politische, wirtschaftliche, zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Akteure in den Austausch und ermöglichte durch das Einbeziehen kommunaler Akteure insbesondere den Austausch zwischen den Ebenen. Die wissenschaftliche Arbeit im Kontext internationaler Verhandlungen, nationaler Dialoge, wie auch in Modellregionen und Reallaboren ermöglicht, die notwendige ko-kreative Arbeit mit unterschiedlichen Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen und die Vermittlung zwischen diesen. Mehrebenen-Präsenz und transdisziplinäre Expertise sind keine Nebenprodukte dieser Prozesse, sie sind spezifische und unabdingbare wissenschaftliche Kompetenz. Wer versteht, warum ein Schutzgebietskonzept in einer Gemeinde auf Widerstand stößt, kann helfen, das globale Ziel realistischer und robuster zu formulieren – und umgekehrt können scheinbar abstrakte globale Zielmarken mit lokalen Akteuren in praxisnahe Umsetzungen übersetzt werden.
Brücken bauen heißt, diese Übersetzungsleistung ernstnehmen
Was die drei Ebenen verbindet, ist ein gemeinsamer blinder Fleck: die Annahme, dass gute Politik vor allem gutes Wissen braucht. Das stimmt – aber es reicht nicht. Gute Politik braucht Wissen, das zur richtigen Zeit, auf der richtigen Ebene, im richtigen Format verfügbar ist und mit politischer Aufmerksamkeit, Ruhe, Überzeugungskraft und Gespür in diese Prozesse eingebracht wird. Genau das ist eine Übersetzungs- und keine reine Erkenntnisleistung.
Damit diese Brückenfunktion tatsächlich wirkt, braucht es mehr als den guten Willen auf Seiten der an diesen Prozessen beteiligten Akteure. Es braucht Formate, die die Wissenschaft an diesen Prozessen beteiligen und es braucht Wissenschaftler:innen, die bereit sind, sich miteinander zu verzahnen, statt parallel und unverbunden nebeneinander zu arbeiten.
Diese Vermittlungskompetenz lässt sich auf viele weitere politische Prozesse übertragen. Gleichzeitig kann niemand diese Übersetzung leisten, der die zugrundeliegenden Konflikte nicht versteht. Globale Agenden wie die Agenda 2030 umzusetzen, wird nicht an fehlendem Wissen scheitern. Wenn es scheitert, dann daran, dass die Brücken fehlen, die dieses Wissen zusammen mit transdisziplinärer Expertise dort einbringen, wo es gebraucht wird.


