Grüne Industriekapazitäten jenseits der Marktregulierung: Was der „Industrial Accelerator Act“ der EU vom Erfolg Ostasiens lernen kann
20.08.2026
Der von der Europäischen Kommission vorgeschlagene „Industrial Accelerator Act“ (IAA) ist ein wegweisender Versuch, die europäische Industriepolitik wiederzubeleben. Mit dem Ziel, den Anteil der verarbeitenden Industrie am BIP der EU bis 2035 auf 20 % zu steigern (von 14 % im Jahr 2024) – durch „Made in EU“-Beschaffungsvorschriften, günstige Bedingungen für ausländische Direktinvestitionen und vereinfachte Genehmigungsverfahren für saubere Technologien –, spiegelt der IAA die wachsende Erkenntnis wider, dass Marktkräfte allein den ökologischen Wandel nicht bewirken können. In vielerlei Hinsicht lässt sich der IAA als Ausdruck einer neuen Rolle der EU als „catalytic state“ verstehen. Anstatt sich ausschließlich auf Marktregeln oder direkte staatliche Beteiligungen zu verlassen, nutzt die EU zunehmend die Koordinierung von Netzwerken („Nodality“) und setzt Finanzinstrumente („Treasury“) ein, um industrielle Initiativen wie die Europäische Batterieallianz zu fördern.
Doch während sich die europäischen Entscheidungsträger*innen den Instrumenten der Industriepolitik zuwenden, vernachlässigen sie weitgehend die Lehren aus den erfolgreichsten Industrialisierungsländern: den ostasiatischen „Entwicklungsstaaten“ China und Südkorea. In unserem kürzlich im Journal of Economic Policy Reform (JEPR) veröffentlichten Beitrag analysieren wir die Industriepolitik im Batteriesektor in China und Südkorea. Wir zeigen, dass sich der katalytische Ansatz der EU auf gesetzliche Vorgaben zur Ankurbelung der Marktnachfrage konzentriert, eine echte industrielle Transformation in strategischen grünen Sektoren jedoch ein proaktives, kapazitätsorientiertes Entwicklungsmodell erfordert. Während die EU darauf abzielt, Märkte zu gestalten, gestalten die ostasiatischen Länder Investitionen und Kapital.
Wichtige Erkenntnisse aus unserer JEPR-Studie
Durch den Vergleich der Entwicklungsstaaten Ostasiens mit Schwerpunkt auf der Industriepolitik in der Batterieindustrie hebt unser Beitrag drei strukturelle Gründe hervor, warum der reaktive Ansatz Europas bei der industriellen Entwicklung und der grünen Wende zu kurz greifen könnte:
1. Aufbau grüner Kapazitäten und staatliche Steuerung
Eine zentrale Erkenntnis unserer Studie ist, dass die ostasiatische Industriepolitik erfolgreich war, weil staatliche Unterstützung mit strengen Kontrollmechanismen einherging. Südkorea und China haben in strategischen grünen Sektoren wie Lithium-Ionen-Batterien und Elektrofahrzeugen (EVs) nicht einfach nur einheimische Hersteller geschützt; sie haben den Zugang zu staatlichem Kapital, günstigen Krediten und Marktschutz an strenge, durchsetzbare Leistungsziele geknüpft, wie beispielsweise technologische Skalierung, Leistungsbenchmarks für Batteriezellen und Kostensenkung.
Die IAA hingegen stützt sich auf statische Rechtsvorschriften („Made in EU“-Quoten), ohne von den begünstigten Unternehmen den Aufbau technologischer Fähigkeiten von Weltklasse zu verlangen. Ohne Kontrollmechanismen besteht die Gefahr, dass reaktiver Protektionismus eher kostenintensive, stagnierende inländische Hersteller schützt, anstatt wettbewerbsfähige Marktführer im Bereich der sauberen Technologien zu fördern.
2. Proaktive Angebotsschaffung vs. katalytische Nachfragesteigerung
Unsere Analyse veranschaulicht, wie China und Südkorea durch eine aggressive Senkung der grundlegenden Inputkosten auf der Angebotsseite eine globale Dominanz in kritischen grünen Wertschöpfungsketten – insbesondere in der Batterieherstellung – erreicht haben. Sie lenkten langfristiges staatliches Kapital in die vorgelagerte Materialverarbeitung, subventionierten Industrieenergie und bauten die Angebotskapazitäten aus, bevor sie sich auf die Verbrauchernachfrage stützten konnten. Obwohl sich China und Südkorea hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, ihrer Marktgröße und ihrer geopolitischen Ambitionen erheblich unterscheiden, teilen sie das Ziel und die Bereitschaft, Lieferketten aktiv zu gestalten.
Die IAA verfolgt den gegenteiligen Ansatz: Sie nutzt Vorschriften für das öffentliche Beschaffungswesen (die nur etwa 15 % des EU-BIP abdecken), um grüne Produkte auf den Markt zu bringen. Wie jedoch die Arbeit von Prontera und Quitzow zum „catalytic state” nahelegt, ist eine katalytische Staatsführung in hohem Maße auf die Nutzung externer Ressourcen angewiesen. Nachfragesignale können strukturelle Schwächen auf der Angebotsseite, wie beispielsweise Europas erhebliche Energiekostennachteile oder Engpässe bei den vorgelagerten Rohstoffen, nicht auf magische Weise beheben. Ohne einen direkten Kapazitätsaufbau auf der Angebotsseite werden Beschaffungsquoten öffentliche Auftraggeber lediglich dazu zwingen, höhere Preise für knappe inländische umweltfreundliche Produkte zu zahlen.
3. Strategische Agilität vs. Verwaltungsaufwand
Unsere Studie zeigt, dass China und Südkorea eine hohe administrative Agilität bewahrten und Subventionen sowie Strategien dynamisch anpassten, um sich schnell entwickelnde Ökosysteme im Bereich der sauberen Technologien – wie beispielsweise fortschrittliche Batteriechemie – zu unterstützen.
Im Gegensatz dazu stützt sich die regulatorische Ausgestaltung des IAA auf die Nachverfolgung komplexer Herkunftsanteile von Komponenten in 27 Mitgliedstaaten und droht die grüne Industriestrategie in Bürokratie zu ersticken. Anstatt eine rasche Skalierung zu fördern, besteht die Gefahr, dass die administrative Komplexität die entscheidenden Investitionen in saubere Technologien, die Europa dringend benötigt, zum Erliegen bringt.
Zwar stellen die IAA und der sich weiterentwickelnde Rahmen der EU für den „katalytischen Staat“ wichtige Schritte weg von einer passiven Marktregulierung dar, doch ist das Setzen rechtlicher Grenzen und das Schmieden von Allianzen nicht dasselbe wie die aktive Förderung grüner industrieller Kapazitäten.
Um unsere vollständige vergleichende Analyse der Entwicklungsstaaten China und Südkorea zu erkunden und die Steuerungsmechanismen zu verstehen, die einen echten industriellen Wandel vorantreiben, lesen Sie unseren vollständigen Artikel im „Journal of Economic Policy Reform“ (JEPR).
Kalinowski, T., Pauls, R. & Kim, S. (2026). Industrial policy at the intersection of geopolitics and state–business relations. A comparative study of battery industries in China and South Korea. Journal of Economic Policy Reform, 29(3), 267–287. https://doi.org/10.1080/17487870.2026.2695653
