Der Dekolonialismus nimmt am Verhandlungstisch Platz: Rückblick auf den 27. Arktis-Dialog
28.07.2026
Deutschland ist kein Arktisstaat. Dennoch beschäftigen sich deutsche Politikerinnen und Politiker, Forschende und Nichtregierungsorganisationen intensiv mit der Region. Die Arktis ist nicht nur von geopolitischem Interesse, sondern auch die Heimat indigener Völker und ihrer Kulturen. Diese leben in hochsensiblen Ökosystemen, die durch Veränderungen wie den Rückgang des Meereises und die Klimaerwärmung bedroht sind.
Der Arktisdialog ist eine Reihe halbjährlicher Treffen, die vom Deutschen Arktisbüro am Alfred-Wegener-Institut (AWI) organisiert werden und darauf abzielen, einen offenen Dialog über arktische Themen zwischen Wissenschaft und Politik zu pflegen, unter Einbeziehung von Vertreterinnen und Vertretern aus Bundesministerien, Forschungsinstituten und Nichtregierungsorganisationen, die sich mit der Arktisforschung befassen. In diesem Jahr wurde das RIFS eingeladen, den Arktis-Dialog auszurichten und das Thema in Zusammenarbeit mit dem Arktisbüro festzulegen. Der Sámiráđđi (Samenrat) arbeitete mit dem RIFS zusammen und war maßgeblich an der Organisation der thematischen Sitzungen beteiligt.
Wissensproduktion und Förderstrukturen für soziale Gerechtigkeit und respektvolle Forschungsbeziehungen neu gestalten
Was bedeutet das? Einfach ausgedrückt: Der Dekolonialismus findet seinen Platz am Konferenztisch, in den Podiumsdiskussionen und im Austauschkreis. Vortragende und Teilnehmende sprachen über eine Form der Forschung, die als Ko-Kreation oder Ko-Produktion bezeichnet wird. Sie tauschten sich über gewonnene Erkenntnisse, Ergebnisse und die Strukturen aus, die zur Unterstützung ko-kreativer Forschung erforderlich sind. Das Ziel? Beziehungen zu den in der Arktis lebenden indigenen Völkern aufzubauen und zu pflegen sowie der Wissensausbeutung, dem Verlust der Artenvielfalt und fortbestehenden kolonialen Strukturen durch ethische Zusammenarbeit, die auf Vertrauen und Gegenseitigkeit basiert, entgegenzuwirken.
Mark Lawrence (wissenschaftlicher Direktor des RIFS) und Hajo Eicken (wissenschaftlicher Direktor des AWI) eröffneten den 27. Arktis-Dialog und stellten die Themen vor. Sie wiesen darauf hin, dass Ko-Kreation niemals nur ein Zusatzelement sein könne. Es handele sich um eine Denk- und Forschungsweise, die auf der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker basiert und gleichberechtigte Partnerschaften gewährleistet. Ko-Kreation bedeutet, systemübergreifend zusammenzuarbeiten, um globale Probleme wie den Verlust der Artenvielfalt anzugehen. Sie unterstützt die Rechte indigener Völker – die zuvor von der westlichen Wissenschaft ignoriert wurden – und legt den Schwerpunkt auf ein neues Verständnis der Geschichte.
„Nichts über uns ohne uns“
Erfahrungen mit ko-kreativen Methoden
In der ersten Sitzung, moderiert von Volker Rachold (Deutsches Arktisbüro), erörterte die deutsch-kanadische Forscherin Lia Laureen Schulz (AWI) die rechtlichen Rahmenbedingungen Kanadas für ko-kreative Forschung. Sie gab Einblicke in das Projekt SQUEEZE, in dessen Rahmen indigene und deutsche Partner beim Tundra-Schutz zusammenarbeiten und gegenseitige Besuche durchführen, um aus den Perspektiven, Prioritäten und Arbeitsweisen des jeweils anderen zu lernen. Die Partner aus den Gemeinden berichteten über lokale Verwaltungsstrukturen und Beobachtungen zu Landschaftsveränderungen, während die AWI-Forschenden Modellierungsansätze und Projektressourcen beisteuerten. Der regelmäßige Austausch zwischen den beiden Kontaktpersonen trug dazu bei, Vertrauen aufzubauen, Erwartungen abzustimmen und Möglichkeiten für gegenseitiges Lernen und weitere Zusammenarbeit zu schaffen.
„Wenn es keine Aufrechterhaltung von Wissen und Beziehungen gibt, ist das Scheitern bereits im System verankert.“
Per-Henning Mathisen (Sámiráđđi) und Ilaria Sartini (RIFS) stellten ihre Erfahrungen mit dem Projekt BIRGEJUPMI vor. Ihr Vortrag hob die Bedeutung einer nachhaltigen Finanzierung sowohl in der Phase der Antragstellung als auch nach Abschluss des Projekts hervor, um einen wirklich ko-kreativen Prozess und die Vermittlung der Ergebnisse zu gewährleisten. Ein weiterer Punkt, der betont wurde, war die Bedeutung, neben wissenschaftlichen Publikationen auch verschiedene andere Arten von Ergebnissen zuzulassen, um die im transdisziplinären Konsortium gemeinsam erarbeiteten Ziele zu erreichen. Dieser Ansatz fördert kooperative Methoden wie beispielsweise die Veranschaulichung von Wissen.
Wessen Prioritäten prägen die Forschung?
Mathisen sprach über Forschung als einen relationalen Prozess und brachte die Frage in die Diskussion ein, was es bedeutet, Forschung in der eigenen Gemeinschaft zu betreiben. Hier sind Verantwortung, Transparenz und Rechenschaftspflicht von entscheidender Bedeutung. Forschung, die in einem ko-kreativen Prozess durchgeführt wird, führt zu Ergebnissen, die sowohl für die Gastgemeinschaften als auch für die Forschungspartner relevant sind. Das ermöglicht den Aufbau von Vertrauen ermöglicht und lässt gute Beziehungen gedeihen.
Erfahrungen und Erkenntnisse
Mathisen setzte die Sitzung mit einem „Sharing Circle“ fort, in dem die Teilnehmenden eingeladen waren, über ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Ansätze zur gemeinsamen Wissensproduktion zu sprechen. Einige Teilnehmende sprachen über die Herausforderung, Wissen in die Praxis umzusetzen. In einem Projekt beispielsweise wurden durch mündlich überlieferte Geschichten Jagdvorschriften bewahrt, die gemeinsam wieder in Kraft gesetzt werden konnten, um sowohl Wildbestände als auch lokale Jagdtraditionen zu schützen. Eine offene Haltung und die Bereitschaft zur Anpassung ermöglichten die Zusammenarbeit über verschiedene Kulturen und Wissenssysteme hinweg.
„Eine Maßnahme kann nicht überall auf dieselbe Weise angewendet werden.“
Mehrere Teilnehmende wiesen auf die begrenzten Kapazitäten kleiner Gemeinschaften hin, was zusätzliche Unterstützung sowohl für Forschende als auch für die Gemeinschaften erfordert und eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Forschung notwendig macht. Flexibilität und Geduld seitens der Förderer ermöglichten eine Umstrukturierung der Projekte und trugen dazu bei, die Aufgaben auf mehrere indigene Partner zu verteilen.
Notwendige strukturelle Veränderungen
In der letzten Sitzung unter der Leitung von Nina Döring (RIFS), Catherine Dussault (Universität Ottawa), Michael Karcher (AWI), Anne Büchel und Paul Karnatz (Zukunft – Umwelt – Gestaltung [ZUG] gGmbH) wurden strukturelle Veränderungen und neue Ansätze bei der Finanzierung zur Unterstützung ko-kreativer Forschung erörtert.
Als besonderer Gast gab Catherine Dussault Einblicke in die Forschungsförderungsstrukturen in Kanada. Ihre wichtigsten Erkenntnisse waren, dass die Projekte ein hohes Maß an Flexibilität (Zeitplanung, Budgetierung, Zusammenarbeit) zulassen – ein entscheidender Aspekt für ko-kreative und interdisziplinäre Forschung. Wie sie erklärte, dürfen Fördermittelempfänger von den vorgeschlagenen Forschungsvorhaben bzw. Aktivitäten abweichen, und die Budgets konzentrieren sich auf Ziele statt auf einzelne Posten. Darüber hinaus werden Forschende angeregt, bei der Zusammenarbeit mit indigenen Partnern auf Ansprüche auf geistiges Eigentum zu verzichten. Professorin Dussault hob außerdem hervor, dass eine andere Art der Forschung auch bedeutet, indigene Forschung und Ausbildung zu unterstützen, größeres Gewicht auf Relevanz und kulturelle Sicherheit zu legen, die Nutzung der potenziellen Ergebnisse durch indigene Partner zu ermöglichen und die Prinzipien von FAIR (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) und OCAP (Ownership, Control, Access, Possession) zu wahren.
Die Referentinnen und Referenten stellten verschiedene Denkansätze hinsichtlich der Unsicherheit vor, die oft Teil ko-kreativer Forschung ist, sowie die Vorteile, die dieser Ansatz bietet. Während bestehende Kooperationen die Grundlage bilden, basieren Beziehungen auf Kontinuität. Befristete Verträge, vordefinierte Ergebnisse und Zeitpläne stehen dazu in krassem Gegensatz. Um die Herausforderungen in der Arktis und darüber hinaus anzugehen, ist es unerlässlich, die Förderstrukturen weiterzuentwickeln und ko-kreative Partnerschaften für eine ganzheitliche Forschung fortzusetzen. Im Anschluss an den 27. Arktis-Dialog erarbeiten das AWI und das RIFS eine gemeinsame Erklärung, die die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfasst und Empfehlungen für gerechte, kooperative und strategische Forschungsansätze gibt.
