Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Forschung zu klimabedingten Verlusten und Schäden erfordert einen transdisziplinären Ansatz

18.06.2026

Dr. Kim Vender

kim [dot] vender [at] rifs-potsdam [dot] de
Calculating the cost of rebuilding is one thing. But valuing – and compensating for – a lifetime of memories, cultural heritage, and a stolen sense of security is equally critical. We must develop mechanisms to address these non-economic losses, because the true cost of climate change extends far beyond material impacts.
Die Kosten für den Wiederaufbau zu berechnen, ist eine Sache. Genauso wichtig ist es jedoch, die Erinnerungen eines ganzen Lebens, das kulturelle Erbe und die verlorene Lebenssicherheit zu bewerten – und dafür eine Entschädigung zu leisten. Wir müssen Mechanismen entwickeln, um diesen nicht-wirtschaftlichen Verlusten Rechnung zu tragen, denn die wahren Kosten des Klimawandels gehen weit über die materiellen Auswirkungen hinaus.

Verluste und Schäden (Englisch „Loss and Damage“, kurz L&D) durch den Klimawandel sind ein komplexes, multiperspektivisches Thema: Es umfasst Normen, Werte, materielle und finanzielle Vermögenswerte, individuelle Leben, Kulturen, politische und wirtschaftliche Interessen sowie Governance-Prozesse mit einer Vielzahl von Akteuren und Sektoren. Angesichts dieser Komplexität können wirksame Lösungen für L&D-Herausforderungen nur durch interdisziplinäre und transdisziplinäre Ansätze entwickelt werden.

Was umfasst L&D (‘Loss and Damage’)? 

Wenn die Minderung der globalen Erwärmung oder Maßnahmen zur Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels nicht ausreichen, folgen Zerstörung und Verluste durch extreme Wetterereignisse und langfristige Umweltveränderungen. Sie kosten Menschenleben und verändern Lebensgrundlagen; sie verwüsten Orte der Andacht und des Trostes, historische Schätze, lebenswichtige Infrastrukturen sowie ökologische Kreisläufe, auf die wir für Nahrung, Wasser und saubere Luft angewiesen sind. In manchen Fällen sind ganze Städte und sogar Länder gefährdet.

Das Thema L&D wurde erstmals in den 1990er-Jahren in die UN-Klimaverhandlungen eingeführt. Aber es hat zwanzig Jahre gedauert, bis die ersten internationalen Governance-Mechanismen eingerichtet wurden; ein weiteres Jahrzehnt, bis ein globaler Fonds gegründet wurde: Der Fonds zur Adressierung von Verlusten und Schäden (Englisch „Fund for Responding to Loss and Damage“, kurz FRLD) ist darauf ausgerichtet, die am stärksten durch den Klimawandel gefährdeten Länder zu unterstützen, nämlich jene mit den wenigsten Ressourcen, um Klimafolgen zu bekämpfen. 

Aktuelle Herausforderungen bei der Bewältigung von L&D
 

Eine der größten Herausforderungen ist die Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln. Die aktuellen Zusagen an den globalen Fonds sind zwar wichtige Signale, jedoch kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Deutschlands – politisch äußerst bedeutender – Zuspruch von 100 Millionen US-Dollar (etwa 92 Millionen Euro) machte die Operationalisierung des Fonds möglich. Aber vergleicht man das mit den geschätzten Schäden von 4,1 Milliarden Euro, die während eines einzigen Überschwemmungsereignisses in Süddeutschland im Sommer 2024 entstanden, erscheint Deutschlands Versprechen auf globaler mehrjähriger Ebene im Vergleich dazu nahezu unbedeutend. Es wird viel mehr benötigt, aber Finanzierung von L&D wird verdrängt im Kontext von wirtschaftlicher Stagnation, zunehmendem Rechtspopulismus, stärkerer Fokussierung auf militärische Sicherheit und einer deutlichen Verschiebung der US-amerikanischen Prioritäten.

Eine weitere wichtige Herausforderung ist die Frage, wie nicht-wirtschaftliche L&D (Englisch „non-economic L&D“, kurz NELD) gemessen, bewertet und angegangen werden kann. Es ist viel einfacher, die Kosten für verlorene materielle Vermögenswerte wie ein Haus, eine Bahnstrecke oder eine Ernte zu berechnen. Viel schwieriger ist es jedoch, einen Preis für ein Leben, Erinnerungen, Begräbnisstätten, ortsbezogene kulturelle Traditionen oder den Verlust von Identität festzulegen. Während wirtschaftliche L&D mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, ist NELD ebenso wichtig zu berücksichtigen, nicht zuletzt wegen der psychologischen Auswirkungen. Aber diese zu definieren und zu bewerten ist enorm herausfordernd, weil sie nicht leicht zu verallgemeinern und quantifizieren sind.

Eine dritte große Herausforderung ist der Zugang zu und die selbstbestimmte Nutzung der Finanzierung. Der FRLD will sich anders aufstellen als andere Klimafinanzierungsmechanismen. Anstatt Gelder über mehrere Vermittler zu leiten, möchte er Gemeinschaftsorganisationen, indigene Völker und andere betroffene Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern direkten Zugang bieten. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob diese Zugangsmodalitäten einfach genug zu navigieren sind und ob lokale Gemeinschaften tatsächlich Entscheidungsbefugnis über die Ressourcennutzung haben

Der bisherige wissenschaftliche Ansatz

Wissenschaftler widmen dem Thema L&D immer mehr Forschung. Sie untersuchen, wie die physikalischen Grenzen der Anpassung an den Klimawandel zu Restrisiken führen, wie Verantwortlichkeit für die Auswirkungen des Klimawandels mit moralischer Verantwortung und globaler Gerechtigkeit verknüpft ist und wie viel Geld weltweit benötigt wird, um Maßnahmen zu finanzieren. Viele verschiedene Disziplinen haben diese Fragen aus ihren eigenen disziplinären Perspektiven sowie theoretischen und methodologischen Spezialgebieten heraus untersucht.

Trotz anhaltender politischer Hürden für L&D kann man argumentieren, dass die Diskussionen sich ausgeweitet haben von Fragen der Legitimität von L&D als dritter Säule der Klimagovernance auf Fragen der Implementierung in verschiedenen Regionen der Welt. Der globale Fonds beginnt in diesem Jahr mit der Finanzierung der ersten Projekte, und Wissensnetzwerke haben sich gebildet, um weltweit Best Practices zu sammeln und zu analysieren. 

Wie inter- und transdisziplinäre Forschung Lösungen finden kann
 

s wird immer deutlicher, dass Forschung einen inter- und transdisziplinären Ansatz verfolgen muss, um transformative Prozesse in der L&D-Governance zu ermöglichen. In der multidisziplinären Forschung arbeitet jede Disziplin parallel und konzentriert sich auf ihren eigenen Beitrag zur Problemlösung. Dieser isolierte Ansatz führt oft zu Lösungen, die entwickelt werden, ohne deren weitreichende Auswirkungen auf andere Bereiche zu berücksichtigen. Beispielsweise konzentrieren sich bei der Untersuchung von Klimarisiken einige Forschende auf "Risiken durch Naturgefahren", andere auf "soziale Risiken" und wieder andere auf "Geschäftsrisiken", wobei sie deren Verknüpfungen nicht oder nur oberflächlich berücksichtigen. Um effektive Lösungsansätze für ein multidimensionales Problem wie L&D zu finden ist das nicht ausreichend. Im Gegensatz dazu suchen inter- und transdisziplinär Forschende aktiv nach Überschneidungen und Verbindungspunkten. Sie verstehen Klimarisiken als systemisch und berücksichtigen daher bei der Lösungsfindung die Wechselwirkung von Risiken in natürlichen, menschlichen und wirtschaftlichen Systemen.

Die Sicherung ausreichender Finanzierung von L&D hängt davon ab, das Thema hoch auf der Agenda der UN-Klimaverhandlungen zu halten und Industrieländer sowie große Emittenten zur Verantwortung zu ziehen. Um dies zu erreichen, ist es unerlässlich, eine integrierte Risikodefinition voranzutreiben und die systemischen Dimensionen von L&D effektiv zu kommunizieren. Es werden Ansätze benötigt, die die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Risiken des Klimawandels verknüpfen, darunter Vertreibung und Migration, Auswirkungen auf Wertschöpfungsketten, Arbeitslosigkeit, Ernährungssicherheit sowie weitere Entwicklungen wie Konflikte, Extremismus und verlorene Bildungschancen für junge Menschen. Aufzuzeigen, wie L&D zu umfassenderen Herausforderungen wie Instabilität, wirtschaftlicher Stagnation und politischer Polarisierung beiträgt, kann Argumente für Investitionen von Regierungen und Unternehmen stärken.

Wenn es darum geht, NELD zu definieren und zu quantifizieren, ist ein Ansatz erforderlich, der lokale und individuelle Perspektiven berücksichtigt und auf praktische Erfahrung zurückgreift. Die Attributionswissenschaft beispielsweise informiert zunehmend die Rechtswissenschaft und tatsächliche Klimaklagen, indem sie lokales Wissen einbezieht, wie Klimaauswirkungen in betroffenen Gemeinden erlebt werden. In ähnlicher Weise könnten Rechtsanthropologen, Stadtökologen, digitale Humanisten und Neuroökonomen mit betroffenen Gemeinden zusammenarbeiten, um integrierte Methoden zur Definition und Quantifizierung von NELD zu entwickeln und so Präzedenzfälle zu schaffen, die politische Debatten zu diesem Thema beeinflussen könnten.

Lokale und kontextualisierte Lösungen sind nicht nur entscheidend, um Zugang zu L&D-Finanzierung zu sichern, sondern auch um eine effektive Nutzung der Gelder vor Ort sicherzustellen. So wie die Arbeit an NELD von transdisziplinären Ansätzen profitiert, werden die Bemühungen, Fragen zum Zugang zu L&D-Finanzierung zu klären, durch die Kombination von Erkenntnissen mehrerer Disziplinen und Akteure verbessert. Zeugnisse aus lokalen Gemeinschaften und indigenen Völkern sowie die Sammlung bewährter Praktiken von zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Regierungsverwaltungen verschiedener Länder dienen dazu, zu erkennen, was in verschiedenen Kontexten funktioniert und was nicht. Sozial- und Politikwissenschaftler verschiedener Disziplinen sind gut positioniert, um Sozialsysteme und Geldtransfers zu untersuchen, während Akteure der Entwicklungs- und humanitären Zusammenarbeit über Netzwerke und Methoden für Kapazitätsentwicklung verfügen, und lokale Stimmen wissen, wo und wie die Mittel am wirkungsvollsten eingesetzt werden können.

Ermöglichen von Transformationen

Die gemeinsame Entwicklung von Ideen, Rahmenwerken und Mechanismen verbindet wissenschaftliches Wissen mit der Praxis und etabliert kontextgerechte Lösungen, die sowohl lokal sind als auch Best-Practice-Beispiele für Anpassungen in anderen Kontexten bieten. Beiträge von verschiedenen Ebenen des L&D-Finanzökosystems sind wichtig, um effektive Governance-Mechanismen zu informieren – von lokalen Gemeinschaften bis zum globalen Fonds. Letztlich müssen Forschungsförderer risikoreiche transdisziplinäre Forschung annehmen, die durch einen „Learning by Doing“-Ansatz jedoch hohes Innovationspotenzial hat. Dadurch wird es uns möglich, Wissen und Praxis gleichzeitig voranzubringen und die Grenzen zu überwinden, die weiterhin die Transformationen behindern, die wir so dringend brauchen.
 

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