Innehalten, um voranzukommen: Reflexionen vom Nordic Lighthouse
29.04.2026
Ein Land ohne Militär, ein weltweiter Vorreiter in Sachen Gleichstellung, Flüsse, aus denen direkt getrunken werden kann – klingt wie ein Traum? In Island ist es schlicht Realität.
Kürzlich wurde ich eingeladen, am Nordic Lighthouse mitzuwirken, einer experimentellen Veranstaltung in Reykjavík. Die namensgebende Metapher wurde vom Spirit of Humanity Forum (SoH Forum) gewählt. Das Ziel war es, Führungspersönlichkeiten und Aktivist:innen dabei zu helfen, ihren inneren Kompass wiederzufinden, um mit der Komplexität von Transformationsarbeit umzugehen.
Das SoH Forum ist ein globales Netzwerk mit Sitz in Reykjavík, das systemischen Wandel in gesellschaftlichen Entscheidungsstrukturen anstoßen möchte, indem es Liebe und Mitgefühl in diese Prozesse bringt. Das Nordic Lighthouse fand im April 2026 in der Harpa Concert Hall statt und brachte Führungspersönlichkeiten und generationenübergreifende Aktivist:innen um eine einfache, aber radikale Überzeugung zusammen: dass die drängendsten Krisen unserer Zeit nicht nur struktureller Natur sind – sie sind zutiefst menschlich. Die Leitphilosophie lautete: Der Weg nach außen führt nach innen und hindurch – ganz in dem Sinne, dass innerer Wandel nach außen getragen wird.
Der erste Tag führte uns zu Konzepten, Ansätzen und Praktiken, mit dem Ziel, uns wieder mit unserer Verbundenheit und Intuition in Berührung zu bringen. Das Besondere an diesem Forum war die Einführung von sechs „Lebendigen Laboren" am zweiten Tag: Governance und Führung, Gesundheit und Wohlbefinden, Bildung, Umwelt und Klima sowie Ernährungssysteme, Wirtschaft und Arbeit sowie Kreative Künste. Diese partizipativen Räume bzw. Hubs luden die 150 Teilnehmenden ein, ihr Interessensfeld zu wählen, sich zu vernetzen, Schwierigkeiten in ihrer Arbeit zu benennen und eine regenerative Zukunftsvision zu schmieden. Wir bahnten uns einen Weg zurück in die Gegenwart und fragten, welche Samen der Erneuerung bereits keimen und wie wir sie fördern können.
Als Praktikerin und Wissenschaftlerin des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS) co-fazilitierte ich den Hub zu Umwelt, Klima und Ernährungssystemen – gemeinsam mit der brasilianischen Künstlerin und Aktivistin Isadora Canela und dem französischen Autor und Leiter der Conscious Food Systems Alliance, Thomas Legrand. Eine zentrale Erkenntnis kristallisierte sich heraus: Viele derjenigen, die am härtesten für den Schutz der Natur arbeiten, haben irgendwann aufgehört, genug Zeit in ihr zu verbringen – sie haben Wälder und Küsten gegen Bildschirme und Konferenzräume eingetauscht, bis das, was sie schützen wollen, abstrakt und fern geworden ist. Die Schlussfolgerung war einfach, aber einprägsam: Bevor wir die Natur schützen können, müssen wir uns mit ihr wieder verbinden, um die Kraft zu erhalten, die unsere Arbeit erfordert. Die Sessions entfalteten sich durch kontemplative Praxis, Dialogkreise und Storytelling – Methoden, die menschliche Verbindung über konventionelle Konferenzergebnisse stellen.
Dem Nordic Lighthouse folgend brachte das Wellbeing Economy Forum Politiker:innen, Forschende und globale Führungspersönlichkeiten für drei weitere Tage zusammen, um zu fragen: Was bedeutet es wirklich, dass eine Gesellschaft erfolgreich ist? Die Themen reichten von der Überwindung der maßgeblichen Rolle des Bruttoinlandsproduktes über die Fürsorgeökonomie, Wohlbefinden und Gesundheit indigener Gemeinschaften in der Arktis bis hin zu Governance für zukünftige Generationen. Die Beiträge kamen von Vertreter:innen der OECD und des Club of Rome – und von zwei Präsidentinnen: Islands Halla Tómasdóttir, Schirmherrin des Forums, empfing ihre slowenische Amtskollegin Nataša Pirc Musar zu einem offiziellen Staatsbesuch, der bewusst mit dem Forum verknüpft wurde. Gemeinsam nahmen sie an einem Gespräch unter dem Titel „The Courage to Care" teil – ein starkes Signal, dass das Thema Wohlbefinden längst auf höchster politischer Ebene angekommen ist.
Beide Foren bereicherten sich auf eindrückliche Weise gegenseitig. Während das Wellbeing Economy Forum die Strukturen und die Politik untersuchte, die für den Aufbau gesünderer Gesellschaften notwendig sind, erkundete das Nordic Lighthouse die innere Dimension, die solchen Wandel erst möglich macht: die Werte, den Mut und das Bewusstsein derer, die ihn vorantreiben. Ein Highlight, das beide Veranstaltungen verband, war das Gespräch über „Erfolg neu denken" zwischen Islands Präsidentin Halla Tómasdóttir und dem ehemaligen IKEA-Chef Jesper Brodin. Humorvoll, tiefgründig und ehrlich lenkte ihre Diskussion die Aufmerksamkeit auf das Schweigen rund um innere Transformation in Politik und Wirtschaft – und auf den Mut, den es braucht, um es zu durchbrechen. In Politik und Wirtschaft spricht man selten offen darüber, dass Wandel nicht nur strukturelle Veränderungen erfordert, sondern auch eine innere Transformation – also eine Veränderung der eigenen Haltung, Werte und des Bewusstseins. Darüber herrscht oft Schweigen, weil es als zu persönlich, zu weich oder zu wenig „sachlich" gilt. Die beiden durchbrachen dieses Schweigen, indem sie offen und ehrlich darüber sprachen – und das mit Humor und Tiefgründigkeit, was solche Gespräche oft erst möglich macht.
Seit 18 Jahren in Folge als friedlichstes Land der Welt eingestuft, gilt Island seit Langem als lebendiger Beweis dafür, dass eine Gesellschaft auf Vertrauen, Gleichheit und Dialog nicht nur aufgebaut werden kann, sondern auch floriert. Direkte Vergleiche sind natürlich mit Bedacht zu ziehen: Island steht vor eigenen Herausforderungen. Darunter fällt die begrenzte Tageslichtdauer im Winter, die Abhängigkeit von importierten Gütern, sowie die vollständige sicherheitspolitische Einbindung in internationale Bündnisse für seine nationale Verteidigung – eine Erinnerung an die die wechselseitige Verflechtung, die uns alle prägt. Doch das Fehlen einer stehenden Armee, die unberührte Landschaft und trinkbare Flüsse bleiben radikale Leitprinzipien – gelebte Realität statt bloßer Rhetorik. Das Jahr 2026 markiert zudem den 40. Jahrestag des Reagan-Gorbatschow-Gipfels im Höfði-Haus – eines Dialogs, der dazu beitrug, den Kalten Krieg zu beenden, und der Islands Ruf als Ort begründete, an dem ehrliche Gespräche unerwartete Türen öffnen können.
Ich möchte den Organisator:innen, den Prozessgestalter:innen, den Freiwilligen und allen Beteiligten meinen herzlichen Dank aussprechen, die dieses Experiment Wirklichkeit werden ließen. Der Nordic Lighthouse ist nicht nur ein Gespräch über Transformation, sondern ein lebendiger Ausdruck davon.
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