Blog-Beitrag: Nachhaltige Wasserstoff-Governance – Erkenntnisse aus einem RIFS-Webinar
22.04.2026
Am 15. April 2026 veranstalteten das Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung und die Heinrich-Böll-Stiftung ein Webinar, um Handlungsempfehlungen für einen schnellen und nachhaltigen Wasserstoffausbau zu diskutieren. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Vorstellung eines neuen RIFS Policy Papers mit dem Titel "Strengthening Sustainability Governance for a Rapid Hydrogen Ramp-Up". Dieses bietet europäischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern Empfehlungen für die Bewältigung von Umwelt- und Sozialrisiken und die beschleunigte Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft. Das Paper stützt sich auf eine Reihe von Studien aus dem RIFS-Projekt "Geopolitik der Energietransformation: Nachhaltigkeitsgovernance im Wasserstoffsektor (GET Sustainable Hydrogen)", das vom Auswärtigen Amt gefördert wird.
Geopolitische Dringlichkeit und die Rolle von Wasserstoff
Meik Laufer (Auswärtiges Amt) eröffnete das Webinar mit einleitenden Bemerkungen zur gestiegenen geopolitischen Bedeutung von Wasserstoff. Angesichts des Angriffskriegs auf die Ukraine und der militärischen Konfrontation im Nahen Osten betonte er, dass Wasserstoff nicht mehr nur ein Klimainstrument ist, sondern ein Eckpfeiler der Energiesicherheit und der Außenpolitik. Er wies auch darauf hin, dass Energie-, Außen- und Klimapolitik heute untrennbar miteinander verbunden seien, was die Dringlichkeit der Entwicklung eines wettbewerbsfähigen, nachhaltigen Marktes erhöhe.
Stärkung der Nachhaltigkeits-Governance für Wasserstoff
Maximilian Rischer (RIFS) stellte die wichtigsten Ergebnisse des Policy Papers vor. Zunächst stellte er die Bedeutung einer robusten Nachhaltigkeits-Governance für die Entwicklung des Wasserstoffsektors heraus. Er nannte deren verschiedene Aufgaben, von der Sicherstellung des Klimanutzens und der Abschwächung ökologischer und sozialer Risiken von Wasserstoff bis hin zur Förderung der Transparenz und der Realisierung von Vorteilen für die Beteiligten in der gesamten Wertschöpfungskette (siehe Abbildung unten).
Anschließend präsentierte er Empfehlungen zur Stärkung des Nachhaltigkeitsmanagements im Wasserstoffsektor. Diese bauen auf der Prämisse auf, dass die EU bereits über ein robustes Regelwerk zur Unterstützung der Nachhaltigkeit verfügt (siehe die RIFS Study Governance for a Sustainable Hydrogen Economy: A Review of the Current State of Play für einen umfassenden Überblick). Dementsprechend könne sich der Schwerpunkt nun auf die Umsetzung verlagern. Durch die Stärkung und Anpassung bestehender Mechanismen, um den Besonderheiten der Wasserstoffwirtschaft besser gerecht zu werden, könne der nachhaltige Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft effektiv unterstützt werden. Dafür legt das Policy Paper vier Schlüsselempfehlungen vor:
- Wasserstoffspezifische Due-Diligence-Richtlinien: Multilaterale Entwicklungsbanken sollten gemeinsame wasserstoffspezifische Leitlinien entwickeln, um Unternehmen beim Umgang mit sozialen und ökologischen Risiken im Rahmen ihrer Due-Diligence-Prozesse zu unterstützen. Diese Leitlinien können die Nachhaltigkeit stärken und gleichzeitig den Zugang zu Finanzmitteln erleichtern, indem sie die Einhaltung bestehender Anforderungen von Finanzinstituten unterstützen.
- ISO-Norm für Nachhaltigkeit: Die Internationale Organisation für Normung (ISO) sollte eine Norm entwickeln, um die Harmonisierung von Nachhaltigkeitsbewertungen für Wasserstoff und seine Derivate zu unterstützen und die Konsistenz auf den globalen Märkten zu fördern.
- Bewährte Verfahren und Kapazitätsaufbau: Geber sollten ihre Unterstützung für internationale Initiativen wie das International PtX Hub oder das Global Programme for Hydrogen in Industry der UNIDO fortsetzen, um Wissen und bewährte Verfahren auszutauschen, Projektentwicklern dabei zu helfen, Nachhaltigkeitsanforderungen zu verstehen und kosteneffizient zu erfüllen, und den Kapazitätsaufbau im gesamten Sektor zu unterstützen.
- Robuste Zertifizierungssysteme: Unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus dem Bioenergiesektor sollte die EU eine strenge Überwachung der regulatorischen Anforderungen und der entsprechenden Zertifizierungssysteme sicherstellen, z. B. über die Unionsdatenbank, um Betrug zu verhindern und gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer zu gewährleisten.
Perspektiven aus dem Wasserstoffsektor
Im Anschluss an die Präsentation tauschten Expertinnen und Experten ihre Ansichten zu den praktischen Aspekten und Herausforderungen dieses Übergangs aus:
- Jan Klenke (H2Global Foundation) betonte die Notwendigkeit einer Angleichung der verschiedenen Governance-Mechanismen, um Markteffizienz zu gewährleisten.
- Marion Malafosse (GD ENER, Europäische Kommission) hob hervor, dass eine solide Zertifizierung, insbesondere durch freiwillige Systeme, für Glaubwürdigkeit und Rückverfolgbarkeit von zentraler Bedeutung sei. Sie wies darauf hin, dass die Kommission daran arbeite, die Unionsdatenbank fertigzustellen, um Unregelmäßigkeiten zu verhindern, wie sie zuvor im Biokraftstoffsektor aufgetreten sind.
- Stanislave Demeestere (Hydrogen Europe) betonte die wichtige Rolle der Mitgliedstaaten bei der Umsetzung der europäischen Gesetzgebung. Er wies auf die Herausforderung der Angleichung von Normen in verschiedenen Rechtssystemen hin und sagte, dass Wasserstoff der Schlüssel zur Verringerung der Abhängigkeiten in der Lieferkette sei. Er forderte, dass Europa weiterhin Vorreiter für ambitionierten Klimaschutz sein sollte.
- Neelke Wagner ( PowerShift e.V.) sagte, dass der Schutz der Menschenrechte sektorübergreifend sein müsse, um gleiche Wettbewerbsbedingungen für neue, klimafreundliche Energieträger wie Wasserstoff und bestehende fossile Energieträger zu gewährleisten. Sie sprach sich dafür aus, die Wasserstoffproduktion in Exportregionen an die lokalen Energiewenden in der Stromerzeugung zu koppeln, um sicherzustellen, dass die in Europa geltenden Regeln auch für Importe gelten. Sie wies auch darauf hin, dass die Skalierung der Projekte sorgfältig gesteuert werden müsse, um Konflikte bei der Flächennutzung zu vermeiden.
Schlussbemerkungen: Von der Due-Diligence-Prüfung auf Projektebene zur grünen Industriestrategie
Abschließend betonte Moderator und RIFS-Forschungsgruppenleiter Rainer Quitzow, dass die Nachhaltigkeitsanforderungen an Wasserstoff auch auf andere Energieträger, insbesondere auf fossile Brennstoffe, angewandt werden sollten. Zu diesem Zweck plädierte er für eine verlässliche Umsetzung allgemeiner Instrumente wie der EU-Richtlinie zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten (Corporate Sustainability Due Diligence Directive – CSDDD). Er merkte außerdem an, dass die Sicherstellung der lokalen Wertschöpfung in potenziellen Erzeuger- oder Exportländern nicht in erster Linie auf Projektebene adressiert werden könne. Due-Diligence-Anforderungen allein reichten nicht aus, um sicherzustellen, dass die Vorteile in der gesamten Wertschöpfungskette zum Tragen kommen. Vielmehr bedürfe es einer grünen Industriepolitik, unterstützt durch strategische Dialoge auf hoher Ebene unter Beteiligung von Regierungen, Entwicklungsbanken, der Industrie und der Zivilgesellschaft, um ein „Win-Win-Ergebnis“ für alle Beteiligten zu gewährleisten.
Links:
- RIFS Policy Paper herunterladen: https://doi.org/10.48481/rifs.2026.006
- RIFS Study herunterladen: https://doi.org/10.48481/rifs.2026.002
- Link zur Aufzeichnung des Webinars: https://www.youtube.com/watch?v=IX_M9hptizk
- Link zu weiteren Informationen über das Projekt und zu weiteren Veröffentlichungen (bitte bis zum Ende der Seite scrollen): https://www.rifs-potsdam.de/de/forschung/geopolitik-der-energietransformation-nachhaltigkeitsgovernance-im-wasserstoffsektor-get

