Wirtschaft neu definieren – für eine gerechte und menschenzentrierte Zukunft der Städte
20.02.2026
Städte stehen an vorderster Front der verknüpften Krisen des Klimawandels, der Wohnungsnot, des Verlusts der biologischen Vielfalt und der sich verschärfenden sozialen Ungleichheit. In ganz Europa, Asien und darüber hinaus sprechen Politiker, Planerinnen und Forschende zunehmend von gerechten urbanen Transformationen und erkennen an, dass Dekarbonisierung und Resilienz mit Fairness, Inklusion und demokratischer Teilhabe einhergehen müssen.
Die Rolle von Unternehmen in der Stadtentwicklung wird jedoch oft nicht hinterfragt: In den meisten politischen Rahmenwerken werden sie nach wie vor implizit als gewinnmaximierende Organisationen verstanden, deren Hauptaufgabe darin besteht, finanzielle Renditen für die Aktionäre zu erzielen. Diese scheinbar neutrale Definition prägt stillschweigend, wie Flächen erschlossen, wie Infrastruktur finanziert und wie naturbasierte Lösungen umgesetzt werden, und macht Unternehmen zu einem strukturellen Hindernis für eine gerechte, menschenzentrierte und naturpositive Zukunft der Städte. Wenn wir Städte wollen, die wirklich niemanden zurücklassen, müssen wir vielleicht damit beginnen, den Zweck der Unternehmen neu zu definieren.
Wenn Gewinnmaximierung die Stadt prägt
Die Vorstellung, dass Unternehmen in erster Linie dazu da sind, Gewinne zu erzielen und den Shareholder Value zu maximieren, hat sich tief in Beschaffungsregeln, Investitionslogiken und öffentlich-privaten Partnerschaftsmodellen verankert. Im städtischen Kontext führt dies oft zu drei wiederkehrenden Mustern:
- Wohnraum wird hauptsächlich als finanzieller Vermögenswert behandelt, was Spekulationen und Verdrängung fördert.
- Infrastrukturprojekte sind so strukturiert, dass sie private Renditen garantieren, während langfristige Risiken auf die Öffentlichkeit abgewälzt werden
- Naturbasierte Lösungen konzentrieren sich auf bereits privilegierte Gebiete und lösen manchmal eine grüne Gentrifizierung aus.
Selbst wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist, bleibt die zugrunde liegende Logik häufig extraktiv und kurzfristig. Die Städte versuchen dann, die schädlichen Auswirkungen durch Regulierung oder Anreize zu „korrigieren“, anstatt den grundlegenden wirtschaftlichen Zweck in Frage zu stellen.
Ein anderer Ausgangspunkt
Was wäre, wenn wir die übliche Hierarchie umkehren würden?
Aus psychologischer Sicht bestimmen Wahrnehmungen das Verhalten. Wenn wir also Verhaltensweisen ändern wollen, müssen sich auch die Wahrnehmungen ändern, indem wir Unternehmen als Einrichtungen definieren, die soziale Probleme lösen und auf finanziell nachhaltige Weise sozialen Wert schaffen.
In diesem Rahmen
- wird die Lösung sozialer und ökologischer Probleme zum Hauptzweck.
- wird die finanzielle Tragfähigkeit zu einer Voraussetzung für Kontinuität und nicht zum Endziel.
- Gewinn ist legitim, wenn er ein Nebenprodukt des Beitrags zum kollektiven Wohlergehen ist, und illegitim, wenn er von der Verursachung von Schaden abhängig ist.
Dieses Verständnis steht in Einklang mit den Traditionen des sozialen Unternehmertums, der genossenschaftlichen Wirtschaft und der missionsorientierten Innovation. Noch wichtiger ist, dass es Raum schafft, um Unternehmen als eine veränderbare institutionelle Form zu betrachten, die in der Gegenwart unterschiedlich gestaltet werden kann – je nach der Zukunft, die wir schaffen wollen.
Was eine Neudefinition ermöglicht
Die Neudefinition von Unternehmen löst nicht auf magische Weise die Ungerechtigkeit in Städten. Aber sie verändert das institutionelle Terrain, auf dem Lösungen möglich werden. Vier Veränderungen sind für einen gerechten städtischen Wandel besonders relevant:
- Umverteilung: Investitionen sollten eher in unterversorgte Gemeinden als nur in Standorte mit hoher Rendite gelenkt werden.
- Anerkennung: Lösungen sollten auf gelebter Erfahrung und lokalem Wissen aufbauen.
- Repräsentation: Einbindung von Gemeinschaften in Entscheidungsprozesse und Mitbestimmung.
- Regeneration: Ausrichtung der Wirtschaftstätigkeit auf langfristigen ökologischen Schutz.
Anstatt zu fragen, wie bestehende Unternehmen „weniger schädlich” gemacht werden können, können Städte damit beginnen, sich zu fragen, welche Arten von Wirtschaftsakteuren sie aktiv fördern und unterstützen wollen.
Genossenschaftliches und gemeinschaftlich geführtes Wohnen
In mehreren europäischen Städten zeigen genossenschaftliche Wohninitiativen, was möglich wird, wenn Wohnraum als soziales Gut und nicht als Spekulationsobjekt behandelt wird. Projekte wie der Berliner Möckernkiez, das Wohnprojekt Wien und genossenschaftliche Wohnanlagen in Zürich verbinden gemeinschaftliches Eigentum, Mitbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner, energieeffizientes Design und Gemeinschaftsräume sowie begrünte Innenhöfe, Dächer oder Gärten.
Da die Grundstücke und Gebäude der Genossenschaften in nicht-spekulativen Strukturen gehalten werden, können die Mieten stabilisiert und eine langfristige Verwaltung ermöglicht werden. Hier fungiert das „Geschäft“ als Hüter der Bezahlbarkeit, der ökologischen Leistung und des sozialen Zusammenhalts. Eine ähnliche Logik findet sich in Teilen Asiens in Form von gemeinschaftlich verwalteten Finanz- und Modernisierungsprogrammen, bei denen kollektive Ersparnisse und von den Bewohnerinnen und Bewohnern geleitete Planungen Verbesserungen vor Ort in informellen Siedlungen ermöglichen (z. B. das Baan-Mankong-Programm in Thailand). Die Bereitstellung von Wohnraum ist in gegenseitige Hilfe und Solidarität eingebettet und nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet.
Gerechtigkeitsorientierte naturbasierte Lösungen
Naturbasierte Lösungen – wie Feuchtgebiete, begrünte Dächer, Stadtwälder und Regengärten – werden oft als Win-Win-Maßnahmen dargestellt. Ohne gerechtigkeitsorientierte Geschäftsmodelle laufen sie jedoch Gefahr, zu einer weiteren Ebene der „grünen Kosmetik” zu werden. Sozialunternehmen und Genossenschaften, die in den Bereichen städtische Gartenarbeit, Agrarökologie und Pflege grüner Infrastruktur tätig sind, bieten eine Alternative. Ihr Erfolg wird nicht nur an den Einnahmen gemessen, sondern auch an der verringerten Anfälligkeit für Hitze und Überschwemmungen, dem verbesserten Zugang zu Grünflächen, der Ausbildung und Beschäftigung marginalisierter Gruppen und der Stärkung der Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft.
In Südostasien und im Pazifikraum zeigen Feuchtgebiete, die gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern entworfen und angelegt wurden, wie naturbasierte Lösungen gleichzeitig Probleme der Sanitärversorgung, Überschwemmungen und soziale Teilhabe lösen können. Hier sind unternehmerische Aktivitäten untrennbar mit Pflege, Instandhaltung und langfristigen Beziehungen verbunden.
Von öffentlich-privaten zu öffentlich-privat-bürgerlichen Partnerschaften
Herkömmliche Public-Private-Partnerships basieren in der Regel auf Verträgen zwischen Regierungen und Unternehmen, wobei die Bürgerinnen und Bürger als Nutzende oder Konsultierte auftreten. Public-Private-People-Partnerships hingegen beziehen die Gemeinden als Mitgestalter und manchmal auch als Miteigentümer von Projekten mit ein. Sozialunternehmen, Genossenschaften, NGOs und Anwohnergruppen arbeiten in gemeinsamen Governance-Vereinbarungen mit Kommunen und missionsorientierten privaten Akteuren zusammen. Solche Konstellationen entstehen in Bereichen, die von Abfallwirtschaft und Klimaanpassung bis hin zu kulturellem Erbe und grüner Infrastruktur reichen. Sie nähern sich einem Modell, bei dem wirtschaftliche Aktivitäten ausdrücklich mit öffentlichen Zielen verbunden sind und bei dem gleichermaßen finanzielle Erträge wie Gerechtigkeitsergebnisse ausgehandelt werden.
Über die Regulierung hinaus: Märkte gestalten
Die Neudefinition von Wirtschaftstätigkeit führt auch zu einer Neudefinition der Rolle von Behörden. Anstatt nur Marktversagen zu korrigieren, können Städte Märkte aktiv gestalten, sodass Unternehmen, die sozialen Mehrwert schaffen, zur Normalität werden und keine Ausnahme mehr darstellen. Dazu gehören Beschaffungskriterien, die sozialen und ökologischen Mehrwert priorisieren, Zugang zu Land und „geduldigem Kapital“ für Genossenschaften und Sozialunternehmen sowie Planungsinstrumente, die nicht-spekulative und von der Gemeinschaft getragene Modelle als legitime Entwicklungswege anerkennen. In diesem Sinne sind gerechte urbane Transformationen nicht nur technologische oder räumliche Projekte, sondern auch Projekte zur Gestaltung von Institutionen.
Spannungen und Realitäten
Gerechtigkeitsorientierte Geschäftsmodelle stehen vor echten Herausforderungen, denen wir Rechnung tragen müssen. Dazu gehören die Schwierigkeit, ohne Verlust des demokratischen Charakters zu skalieren, finanzielle Unsicherheit aufgrund kurzer Finanzierungszyklen und Machtungleichgewichte innerhalb von Partnerschaften. Um Veränderungen zu erreichen, müssen Bemühungen zur Neudefinition von Unternehmen von unterstützenden Ökosystemen, neuen Finanzierungslogiken und laufenden politischen Verhandlungen begleitet werden, die unterstreichen, warum eine Neudefinition von Unternehmen überhaupt notwendig ist.
Eine andere Frage für die Zukunft der Städte
Für Städte, die sich für Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft und soziale Gerechtigkeit einsetzen, lautet die zentrale Frage nicht „Wie können wir Unternehmen weniger schädlich machen?“, sondern „Welche Unternehmensformen fördern wir aktiv als legitime Partner bei der Gestaltung der Zukunft unserer Städte?“. Wenn Unternehmen nicht mehr als Gegenspieler des öffentlichen Interesses positioniert sind, sondern als dessen Verwalter, eröffnen sich neue Wege, auf denen Würde, Teilhabe und ökologische Regeneration keine Nebeneffekte, sondern grundlegende Ziele sind.
Dieser Blogbeitrag ist eine Zusammenfassung von „Redefining Business for Justice-Driven and Human-Centered Urban Futures”, eines Beitrags für die Fachzeitschrift Frontiers in Sustainable Resource Management. Er entstandt, nachdem ich im Dezember 2025 an der von Eurac Research in Bozen organisierten Konferenz „Smart and Sustainable Planning for Cities and Regions” teilgenommen hatte.
