Warum die Absicht wichtiger ist als das System: Politik und Wohlstand neu denken - und voneinander lernen
22.01.2026
Öffentliche Debatten über Politik drehen sich oft um Formen: Demokratie versus Autokratie, Top-down versus Bottom-up, Ost versus West. Diese Debatten neigen zu der Annahme, dass, wenn wir das „richtige“ System wählen, sich gute Ergebnisse von selbst ergeben werden. Doch die Geschichte und die gegenwärtige Realität legen etwas Komplexeres nahe. In verschiedenen politischen Systemen können ähnliche Instrumente zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen, abhängig von einem oft übersehenen Faktor: der Absicht.
In diesem Artikel soll nicht behauptet werden, dass ein politisches System einem anderen überlegen ist. Vielmehr soll er zum Nachdenken über eine andere Frage anregen: Was passiert, wenn Systeme, egal in welcher Form, von der Absicht geleitet werden, gemeinsamen Wohlstand zu schaffen, und nicht von der Absicht, einige wenige auf Kosten vieler zu begünstigen?
Jenseits von Etiketten
Im westlichen Diskurs wird China oft durch die Brille seiner politischen Struktur betrachtet: autoritär, von oben nach unten, nicht demokratisch. Vergleicht man China jedoch mit anderen autokratischen Systemen wie Nordkorea oder Kuba, so sind die Unterschiede in den Entwicklungsergebnissen frappierend.
In den letzten vier Jahrzehnten hat China die extreme Armut drastisch reduziert, die Infrastruktur in einem noch nie dagewesenen Tempo ausgebaut und den Lebensstandard von Hunderten von Millionen Menschen verbessert. Dieser breite Fokus auf materiellem Wohlstand hat zu einem relativ hohen Maß an öffentlicher Zustimmung geführt. Das heißt nicht, dass China „richtig“ und andere Systeme „falsch“ sind. Es zeigt lediglich, dass ein und dasselbe politische Format zu radikal unterschiedlichen Ergebnissen führen kann, je nachdem, welche Vision dahinter steht. Im Falle Chinas ist diese Vision eher eine des langfristigen Wohlstands und der Stabilität als eine der Stagnation oder Isolation.
Die Demokratie ist nicht immun gegen Machtkonzentration
Die Demokratie, die oft als moralischer Gegenpol zum Autoritarismus betrachtet wird, verdient ebenfalls eine differenziertere Betrachtung. Selbst in den am besten funktionierenden Demokratien bringen Wahlsysteme unweigerlich Gewinner und Verlierer hervor: eine Mehrheit, die sich vertreten fühlt, und eine Minderheit, die sich ausgeschlossen fühlt.
Noch beunruhigender ist die wachsende Zahl von Forschungsergebnissen, die zeigen, dass viele so genannte Demokratien stark von Eliteninteressen, Unternehmenslobbyismus und Informationsmanipulation beeinflusst sind. Studien der politischen Ökonomie legen nahe, dass die politischen Ergebnisse in mehreren westlichen Demokratien eher den Präferenzen der wirtschaftlichen Eliten als denen der Durchschnittsbürger entsprechen.
In solchen Fällen ist die demokratische Form zwar vorhanden, aber die allgemeine Absicht ist beeinträchtigt.
Astroturfing: simulierte Beteiligung und politischer Einfluss
Ein Beispiel dafür, dass die Absicht wichtiger ist als die Mittel, ist Astroturfing, die Praxis der Schaffung falscher Graswurzelbewegungen, um öffentliche Unterstützung für bestimmte Agenden zu simulieren.
Zu den Beispielen für Astroturfing in westlichen Demokratien gehören die Bemühungen der Industrie für fossile Brennstoffe, die Klimawissenschaft in Zweifel zu ziehen, obwohl sie in internen Studien Klimarisiken anerkennt. Weltweit hat die Tabakindustrie verschiedene "Bürgerinitiativen" gegründet, die sich gegen öffentliche Gesundheitsmaßnahmen wenden und für das Rauchen als individuelle Freiheit eintreten.
Astroturfing nutzt die Instrumente der demokratischen Partizipation - Petitionen, öffentliche Stellungnahmen, Lobbykampagnen - jedoch mit einer Absicht, die die demokratische Entscheidungsfindung untergräbt. Das Ergebnis ist keine kollektive Selbstverwaltung, sondern eine künstliche Zustimmung. Die Lehre daraus ist nicht, dass die Demokratie versagt, sondern dass Systeme und Instrumente allein die Gesellschaft nicht vor Schaden bewahren, wenn die Absichten extraktiv sind.
Wie Systeme die zugrunde liegenden Absichten verstärken
Ob von oben nach unten oder von unten nach oben - politische Systeme neigen dazu, die in ihnen verankerten Absichten zu verstärken. Wenn das Ziel das kollektive Wohlergehen ist - sicheres Wohnen, sauberes Wasser, funktionierende Infrastruktur, soziale Stabilität -, entwickeln sich die Systeme, um diese Ergebnisse zu unterstützen. Geht es um Wohlstandskonzentration, Machterhalt oder ideologische Dominanz, passen sich die Systeme entsprechend an, unabhängig davon, ob sie demokratisch oder autoritär sind. Aus diesem Grund gehen Debatten, die unter der Überschrift „Demokratie versus Autoritarismus“ geführt werden, oft am Thema vorbei. Über alle Kulturen und Kontexte hinweg sind die menschlichen Bedürfnisse bemerkenswert gleich: Sicherheit, Würde, Zugehörigkeit, Zugang zu Bildung und die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens. Der Unterschied liegt nicht darin, was die Menschen brauchen, sondern darin, wie die Gesellschaften sich organisieren, um diese Bedürfnisse zu erfüllen.
Lernen statt Ranking
Anstatt zu fragen, welches System "besser" ist, sollten wir eher generative Fragen stellen:
- Was hat sich in verschiedenen Kontexten bewährt, und warum?
- Was ist gescheitert, und was können wir in unserem eigenen Kontext daraus lernen?
- Wie wirken sich historische, kulturelle und wirtschaftliche Bedingungen auf die Ergebnisse aus?
Die Abkehr von einem „Einheitsmodell“ ermöglicht es Gesellschaften, Governance-Ansätze an die lokalen Gegebenheiten anzupassen, anstatt ideologische Schablonen zu erzwingen, die möglicherweise nicht passen. Dies trägt auch dazu bei, den Diskurs weg von moralischen Binaritäten wie richtig oder falsch hin zu kontextsensitiven Problemlösungen zu führen.
Von der Politik zur Wirtschaft: Warum die Absicht immer noch wichtig ist
Diese Betonung der Intention untermauert auch meinen Vorschlag, die Wirtschaft neu zu definieren als „ein Unternehmen, das soziale Probleme löst und auf finanziell nachhaltige Weise sozialen Wert schafft“. Diese Definition vermeidet bewusst einen moralischen Absolutismus. Was als „soziales Problem“ oder „sozialer Wert“ gilt, ist von Kontext zu Kontext, von Kultur zu Kultur und von Zeit zu Zeit unterschiedlich. Was zählt, ist die Ausrichtung: Ist die Wirtschaftstätigkeit darauf ausgerichtet, Schaden zu mindern und das Wohlergehen zu verbessern, oder darauf, ungeachtet der Folgen Werte zu schaffen?
Die Definition erkennt auch eine praktische Realität an: Im Moment ist Geld noch wichtig. Die Menschen müssen Miete zahlen, Lebensmittel kaufen und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Der Unterschied liegt darin, ob Finanzen zum Ziel oder zum Ermöglicher werden. Wenn Geld als Mittel und nicht als Zweck betrachtet wird, können Wirtschaftssysteme den Wohlstand fördern, ohne eine ständige Krise zu erfordern, um rentabel zu bleiben.
Der unsichtbare Rucksack und die Wurzeln der Absicht
Absichten entstehen nicht in einem Vakuum. Sie werden durch das geformt, was ich den unsichtbaren Rucksack nenne - die angesammelten Erfahrungen, Traumata, kulturellen Erzählungen und sozialen Konditionierungen, die wir mit uns herumtragen. Die psychologische Forschung zeigt, dass ungeprüfte Erfahrungen das moralische Urteil, das Führungsverhalten und die politischen Präferenzen stark beeinflussen. Führungskräfte und Bürger, die sich ihrer unsichtbaren Rucksäcke nicht bewusst sind, reproduzieren möglicherweise unbewusst angstbasierte, ausgrenzende oder dominanzorientierte Systeme. Das Nachdenken über den unsichtbaren Rucksack ist daher eine politische und wirtschaftliche Notwendigkeit. Inklusive und vielfältige Gesellschaften erfordern nicht nur strukturelle Reformen, sondern auch eine Selbsterkenntnis darüber, wie unterschiedliche (Aufwachs-)Umgebungen unterschiedliche Absichten hervorbringen.
Was uns eint
Über alle politischen Systeme, Kulturen, Religionen und Identitäten hinweg suchen die Menschen bemerkenswert ähnliche Dinge: Sicherheit, Sinn, Verbindung und die Möglichkeit eines würdigen Lebens. Auch wenn sich die Systeme unterscheiden, sind unsere Bedürfnisse dieselben, so dass Absichten viel mehr Bedeutung haben, als wir ihnen zugestehen. Wenn der Übergang zur Nachhaltigkeit gelingen soll, muss er auf einem gemeinsamen Engagement für die Verringerung des Schadens und die Ausweitung des Wohlergehens beruhen, wie auch immer das im jeweiligen Kontext aussehen mag, und nicht nur auf besseren Werkzeugen oder intelligenteren Systemen. Anstatt zu fragen, welches System das richtige ist, sollten wir eine einfachere, menschlichere Frage stellen: Welche Art von Zukunft wollen wir schaffen, und für wen?
