Von den Zielen für nachhaltige Entwicklung zu den Zielen für ein nachhaltiges Leben: Was wollen wir wirklich erreichen?
21.01.2026
Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) sind zu einer gemeinsamen globalen Sprache geworden. Sie tauchen in politischen Dokumenten, Finanzierungsaufrufen, Unternehmensstrategien und Berufsbezeichnungen auf. Sie werden weithin als moralischer Kompass für eine bessere Zukunft beschworen. Und doch taucht in meiner akademischen Arbeit und Praxis immer wieder eine Frage auf: Was, wenn das Problem nicht in der Umsetzung, sondern der Benennung der SDGs besteht? Was wäre, wenn „Entwicklung tatsächlich zur Aufrechterhaltung und Verstärkung der Polykrisen (Klimawandel, Ungleichheiten, Kriege usw.) beiträgt?
"Entwicklung" - ein neutraler Begriff?
Das Konzept der Entwicklung wird oft als selbstverständlich und universell erstrebenswert betrachtet. Doch die jahrzehntelange Forschung erinnert uns daran, dass der Begriff weder neutral noch universell definiert ist. Historisch gesehen wurde er durch westliche, industrielle und materielle Maßstäbe wie BIP-Wachstum, Ausbau der Infrastruktur, Produktivität und Konsum geprägt.
Dies wirft unbequeme Fragen auf:
- Wer entscheidet, was Entwicklung bedeutet?
- Entwicklung für wen?
- Und auf wessen Kosten?
Post-Development-Wissenschaftler*innen argumentieren seit langem, dass der Entwicklungsdiskurs als subtile Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse fungieren kann, indem er ein einziges Modell des „Fortschritts“ exportiert und gleichzeitig andere Formen eines guten Lebens delegitimiert. Wenn materielles Wachstum zum impliziten Ziel wird, werden kulturelle, relationale, ökologische und spirituelle Dimensionen des Lebens oft als zweitrangig oder entbehrlich behandelt.
Was wollen wir erhalten?
Etymologisch gesehen bezeichnet Nachhaltigkeit die Fähigkeit zu erhalten, wobei die Frage offen bleibt, was genau erhalten werden soll. Wenn die zugrundeliegende wirtschaftliche Logik weiterhin auf Gewinnmaximierung, Wachstum und Ressourcengewinnung ausgerichtet ist, dann können viele zutiefst zerstörerische Aktivitäten in einem technischen Sinne als „nachhaltig“ gelten. Kriege beispielsweise können jahrzehntelang aufrechterhalten werden, weil sie Profite für Waffenhersteller, Wiederaufbauunternehmen und geopolitische Machthaber abwerfen. Aus dieser Perspektive können Kriegsökonomien auf beunruhigende Weise nachhaltig sein. Das gilt auch für die Ungleichheit und für die Umweltzerstörung, wenn sie für einige weiterhin Gewinne abwirft. Das Paradoxe daran ist, dass ohne eine Neudefinition unserer Werte die Gefahr besteht, dass die Nachhaltigkeit genau das aufrechterhält, was das Leben für viele zunehmend unerträglich macht.
Warum Ziele für ein nachhaltiges Leben die Diskussion verändern könnten
Was wäre, wenn wir anstelle von Zielen für nachhaltige Entwicklung von Zielen für ein nachhaltiges Leben sprechen würden?
Diese kleine sprachliche Veränderung hat tiefgreifende Auswirkungen. Im Vordergrund steht das Leben, nicht das Wachstum, nicht der Output, nicht die Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Bedingungen, die es Menschen und Ökosystemen ermöglichen, in ihrem eigenen Kontext und in ihrem eigenen Tempo zu gedeihen. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie:
- Was braucht es, um ein Leben für alle in Würde zu erhalten?
- Wie können wir Beziehungen, Gemeinschaften, Ökosysteme und Kulturen erhalten?
- Welche Arten von Wirtschaftstätigkeit unterstützen lebende Systeme und zerstören sie nicht?
So gesehen ist Nachhaltigkeit nicht mehr nur ein Industriezweig, ein Ankreuzfeld oder eine Berufsbezeichnung. Sie wird zu einer Art, in der Welt zu leben, zu einer täglichen Praxis, zu einer Denkweise, die darin eingebettet ist, wie wir gemeinsam Städte, Volkswirtschaften, Institutionen und soziale Beziehungen gestalten.
Die Definitionen, die unsere Systeme prägen, neu überdenken
Wenn es uns mit der Erhaltung des Lebens ernst ist, müssen sich mehrere Definitionen ändern. Eine davon betrifft die Definition von Wirtschaft. In meiner akademischen und praktischen Arbeit definiere ich Unternehmen neu als "eine Einheit, die soziale Probleme löst und auf finanziell nachhaltige Weise sozialen Wert schafft".
Diese neue Definition kehrt die übliche Hierarchie um. Der Gewinn verschwindet nicht. Er wird lediglich zum Ermöglicher von Wohlstand für alle. Finanzielle Nachhaltigkeit ist wichtig, damit die Problemlösung fortgesetzt werden kann, und nicht, damit der Ressourcenabbau auf unbestimmte Zeit ausgeweitet werden kann.
Dies deckt sich mit den zunehmenden Erkenntnissen, dass Unternehmen, die sich an sozialen und ökologischen Zielen orientieren, im Laufe der Zeit stabilere Ergebnisse erzielen. Es stellt auch die Vorstellung in Frage, dass Märkte wertneutral sind. Märkte spiegeln immer das wider, was die Gesellschaft zu honorieren bereit ist.
Von den Metriken zur Bedeutung
Die SDGs haben unbestreitbar dazu beigetragen, Aufmerksamkeit und Ressourcen zu mobilisieren. Doch Metriken allein können das Leben nicht erhalten. Forschungen in den Bereichen Nachhaltigkeitswissenschaft, Psychologie und Systemtheorie zeigen, dass ein dauerhafter Wandel nicht nur Indikatoren und Zielvorgaben, sondern auch Veränderungen von Werten, Erzählungen und Weltanschauungen erfordert. Indem wir unsere Ziele auf das Leben und nicht auf die Entwicklung ausrichten, laden wir zu einem pluralistischeren, kontextsensitiven Verständnis des Wohlbefindens ein. Was an einem Ort das Leben erhält, kann an einem anderen ganz anders aussehen, und diese Vielfalt ist keine Schwäche. Sie ist eine Stärke.
Eine andere Frage für die Zukunft
Die wichtigste Frage lautet vielleicht nicht mehr: "Wie entwickeln wir uns nachhaltig?"
Sondern vielmehr: "Wie erhalten wir menschliches Leben in all seinen Formen?"
Wenn wir hier ansetzen, hört Nachhaltigkeit auf, ein Sektor zu sein. Sie wird zu einer gemeinsamen Verantwortung und zu einer gemeinsamen Lebensweise.
