Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

„Tough Conversations, Tough Times“: wie wir die Nachhaltigkeitsagenda zurückerobern

05.01.2026

Dr. Julia Plessing

julia [dot] plessing [at] rifs-potsdam [dot] de

Dr. Germán Bersalli

german [dot] bersalli [at] rifs-potsdam [dot] de
Die RIFS-Konferenz 2025 zeigte, dass Nachhaltigkeitspolitik zwar Wirkung entfaltet, ihr Erfolg jedoch durch politischen Backlash, gesellschaftliche Polarisierung und unzureichende transdisziplinäre Forschung fragmentiert bleibt
Die RIFS-Konferenz 2025 zeigte, dass Nachhaltigkeitspolitik zwar Wirkung entfaltet, ihr Erfolg jedoch durch politischen Backlash, gesellschaftliche Polarisierung und unzureichende transdisziplinäre Forschung fragmentiert bleibt.

2025 war ein weiteres schwieriges Jahr für Nachhaltigkeitsfragen in Deutschland, Europa und der Welt: Klimaschutz und Nachhaltigkeitsthemen verschwanden im Vorfeld der Bundestagswahlen fast vollständig aus dem Blickfeld, die USA unter der Trump-Regierung traten aus dem Pariser Abkommen aus und die EU beschloss, das „Verbrenner-Aus“ zu lockern. Darüber hinaus werden öffentliche und politische Debatten durch reaktionäre und rechtsextreme Kampagnen mit Desinformation und „bullshit“ geflutet. Fakten und Forschungsergebnisse zum Klimawandel verlieren an Bedeutung. 

Die RIFS-Konferenz 2025 „Tough Conversations in Tough Times”, die im Dezember in Berlin stattfand, brachte mehr als 330 Forscher, Aktivistinnen, Künstler, Politikerinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft zusammen, um den Backlash gegen Nachhaltigkeit zu diskutieren. In mehr als 55 interaktiven Workshops, Reden und Podiumsdiskussionen analysierten die Teilnehmenden die Herausforderungen, diskutierten Gegenstrategien und hinterfragten die Rolle der Forschung für nachhaltigkeitsorientierte Transformationen. Was sind unsere wichtigsten Erkenntnisse?

Dieser Blogpost ist Teil einer Serie über die RIFS-Konferenz 2025, "Tough Conversations in Tough Times" (Schwierige Gespräche in schwierigen Zeiten).

Der Backlash ist kein Zufall

Manisha Anantharaman von der Sciences Po in Paris betonte in ihrer Rede, dass der Backlash gegen Klimapolitik nicht losgelöst von der Geschichte der Kolonialisierung und Enteignung betrachtet werden kann, und im Kontext sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen verstanden werden muss. Marginalisierte Perspektiven werden dabei jedoch zumeist an den Rand gedrängt. Nur wenn wir diese Perspektiven verstehen und ein gemeinsames „Wir“ über Klassen und andere Trennlinien hinweg aufbauen, können wir uns auf eine gerechte, nachhaltige Zukunft zubewegen und somit auch erfolgreich dem Backlash Einhalt gebieten. Laut Anantharaman ist dies angesichts des Einflusses mächtiger Allianzen zwischen den Reichen und neoliberalen Theoretikern – Kräfte, die wir nicht unterschätzen sollten – besonders wichtig.

Ist der Backlash von Dauer?

Die erfahrene Klima-Anwältin und Aktivistin Farhana Yamin erinnerte die Teilnehmenden an den Widerstand, dem Klimaaktivisten vor dreißig Jahren ausgesetzt waren. Vieles von dem, was seitdem erreicht wurde, schien damals unvorstellbar. Der derzeitige Backlash gegen Nachhaltigkeit und progressive Politik kann als Reaktion auf diese früheren Erfolge verstanden werden. Auch wenn der Backlash nicht unterschätzt werden sollte, bleibt sie optimistisch, dass wir es schaffen werden, wieder auf den Pfad zur Nachhaltigkeit zu kommen. Die Solidarität und der Aktivismus, die sie auf der COP 30 in Belém erlebt hat, zeigen, dass es möglich ist, Allianzen über Länder, Klassen und Sektoren hinweg zu bilden. 

Geht es wirklich um gesellschaftliche Polarisierung?

In mehreren Workshops stand die gesellschaftliche Polarisierung zur Debatte. Wir können eine wachsende Polarisierung von Gruppen mit gegensätzlichen Überzeugungen, Werten oder Identitäten beobachten. Dialog wird zunehmend durch Konflikte ersetzt, und Kompromisse werden eher als Schwäche denn als Notwendigkeit angesehen. Diese Entwicklung muss ernst genommen werden. Doch kann ein übermäßiger Fokus auf Polarisierung ebenso die Wahrnehmung einer Spaltung der Gesellschaft verstärken und rechtsextremen Populisten in die Hände spielen. Forschungsergebnisse des RIFS haben gezeigt, dass lokale Nachhaltigkeitsmaßnahmen, anders als öffentlich dargestellt, oftmals breite Unterstützung vor Ort erfahren. In vielen Kommunen werden weiterhin erneuerbare Energien ausgebaut und die Wärmewände vorangebracht, und zwar mit breiter Unterstützung der Bevölkerung. Ebenso besteht nach wie vor ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, dass wir Klimaneutralität weiterhin anstreben sollten. 

Vor diesem Hintergrund ist es von entscheidender Bedeutung, zwar einerseits die Mechanismen und das Ausmaß der Polarisierung zu verstehen, andererseits jedoch ebenso die Entwicklungen, Motivationen und Akteure zu analysieren, die die Polarisierungsdebatte vorantreiben. Gleichzeitig sollten wir als wissenschaftliche Community stärker die Geschichten des Erfolgs nachhaltiger Transformationen kommunizieren. Das bringt uns zum letzten Punkt.  

Wir brauchen mehr transdisziplinäre Forschung

Die RIFS Konferenz brachte verschiedene Disziplinen und Akteure zusammen, die sich auf Themen wie politischer Backlash, Partizipations- und Governance-Instrumente, nachhaltiger Konsum, gerechten Wandel oder den Zusammenhang zwischen Krieg und Nachhaltigkeit konzentrierten. Doch angesichts der sich überschlagenden politischen Entwicklungen und Krisen wurde sichtbar, dass die Forschung zum Backlash auf Nachhaltigkeitspolitik noch in den Kinderschuhen steckt und weiterer konzeptioneller und empirischer Entwicklung bedarf. 

Gleichzeitig erinnerte der grüne Politiker Jürgen Trittin die Teilnehmenden daran, dass Fakten in der öffentlichen Debatte eine immer geringere Rolle spielen. Rechte Politiker und Regierungen, so argumentierte er, überschwemmen die Öffentlichkeit mit Fehlinformationen, die Ängste vor einem durch die Klimapolitik verursachten wirtschaftlichen Abschwung schüren sollen. 

Welche Rolle kann die Wissenschaft in diesem Szenario spielen? Es besteht ein großer Bedarf an relevanten gesellschaftlichen Analysen und positiven Gegendarstellungen, die auf soliden Daten und Analysen beruhen. Das ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn Politik, Fachexpertinnen und eine breitere Öffentlichkeit diese Forschungsergebnisse auch verstehen und nutzen können. Dazu müssen wir als Forschende Wege finden, unsere Ergebnisse zeitnah und in einer verständlichen Sprache zu kommunizieren. 

Die RIFS-Konferenz 2025 war ein wichtiger Meilenstein für die Diskussion der großen Herausforderungen unserer Zeit. Die Teilnehmenden schätzten den Austausch, erkannten aber auch, dass wir als Forschungsgemeinschaft noch weiter aus unserer Komfortzone herauskommen und die wirklich schwierigen Gespräche führen müssen - mit verschiedenen Akteuren aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft, der Politik und den kommunalen Verwaltungen. Dies erfordert den Aufbau langfristiger und vertrauensvoller transdisziplinärer Partnerschaften, was 2026 weiterhin eine der großen Herausforderungen bleiben wird. 
 

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