Kooperatives Wirtschaften als unterschätzter Hebel für gerechte Transformation
14.01.2026
Kooperatives Wirtschaften, demokratisches Wirtschaften, Commoning, Gemeinwohlökonomie – viele Begriffe, ein gemeinsamer Kern. In unserem Panel bei der RIFS-Konferenz 2025 nutzten wir dafür den Sammelbegriff Soziale und Solidarische Ökonomie (SSE), der auch auf europäischer und internationaler Ebene verwendet wird. Er beschreibt eine Vielfalt an Praktiken und Organisationen – von Genossenschaften über Vereine, Sozialunternehmen, Ressourcenzentren und Nachbarschaftsbetriebe bis zu Bürgerenergie und solidarischer Landwirtschaft.
Dieser Blogpost ist Teil einer Serie über die RIFS-Konferenz 2025, "Tough Conversations in Tough Times" (Schwierige Gespräche in schwierigen Zeiten).
Hier setzte Session 25 am 4. Dezember 2025 an, die ich moderierte. Die Diskussionsteilnehmenden waren Florentin Letissier (Stellvertretender Bürgermeister von Paris), Heike Birkhölzer (Technologie-Netzwerk Berlin e.V., Social Economy Berlin/Verbund Kooperatives Wirtschaften) und Christian Lautermann (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, IÖW).
Mit Impulsen aus Deutschland und Frankreich gingen wir gemeinsam der Frage nach:
Was kann Soziale und Solidarische Ökonomie, was das übliche Wirtschaften nicht kann?
Die kurze Antwort: Sie kann Wertschöpfung und Entscheidungsmacht dort verankern, wo die Auswirkungen spürbar sind – bei Konsument:innen, Produzierenden, und direkten Stakeholdern, in Quartieren, Städten und Regionen. SSE ist nicht nur „eine nettere Version“ von Wirtschaften, sondern ersetzt Konkurrenz und Profitmaximierung um jeden Preis durch eine andere Logik: demokratische Governance, lokale Einbettung von Produktion und Nutzen, Reinvestition von Überschüssen ins Gemeinwohl und eine Praxis, die soziale Kohäsion und ökologische Resilienz gleichzeitig adressiert. Gerade in der Polykrise wird zentral: Energie- und Ernährungssicherheit, Reparatur- und Wiederverwendungsstrukturen, kooperative Logistik, Care-Arbeit oder Klimaadaption sind Transformationsfelder, in denen „mehr Markt“ allein oft nicht liefert – und „mehr Staat“ unter Druck gerät oder zum Autoritären neigt.
Das macht SSE auch politisch relevant: Sie ermöglicht Handlungsfähigkeit auf lokaler und regionaler Ebene – selbst dann, wenn national gerade wenig geht, weil das politische Klima blockiert, Prioritäten verschoben werden oder Förderlogiken kurzfristig sind. Städte und Regionen können (und müssen) zum Experimentierraum werden: als Orte, an denen neue Allianzen entstehen, Grundversorgung neu organisiert wird und Transformation praktisch erfahrbar wird.
Zum Einstieg fragte das Panel ins Publikum: „Wo seid ihr SSE schon begegnet – und in welchem Sektor?“. Die Antworten reichten von Bürgerenergie über solidarische Landwirtschaft bis zu Repair- und Reuse-Initiativen. Damit war die Bühne gesetzt: SSE ist weniger ein Nischenlabel als eine Alltagsinfrastruktur – oft unsichtbar, aber hochwirksam.
Frankreich und Deutschland im Vergleich: Anerkennung vs. Fragmentierung
Der stellvertretende Bürgermeister von Paris, Letissier, zeigte, wie sehr rechtliche und administrative Anerkennung Skalierung erleichtert: In Frankreich ist SSE als „unternehmerischer Modus“ gesetzlich definiert (2014). Paris verknüpft SSE strategisch mit Kreislaufwirtschaft – als Produktionsweise, die sozialverträglich Ressourcen schützt und Abfall vermeidet. In der Metropolregion sind rund 70.000 Jobs direkt mit zirkulären Aktivitäten verbunden, zudem wird Wertschöpfung als wirtschaftliche Größe sichtbar gemacht. Paris arbeitet kommunal mit einer „Toolbox“ aus Förderprogrammen, Projektaufrufen, Flächen- und Immobilieneinsatz, Mietsenkungen und Formaten wie den jährlichen SSE-Trophäen, die Projekte prämieren und Nachfrage anregen.
Für Deutschland beschrieben Birkhölzer und Lautermann ein anderes Bild, es fehlt der Sozialen und Solidarischen Ökonomie eine klare sektorale Verortung, da sie rechtlich, statistisch und politisch auf verschiedene Bereiche (z. B. Sozialwirtschaft, Zivilgesellschaft, KMU) verteilt ist. Dadurch bleiben ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihr transformatives Potenzial oft unsichtbar und werden in Förder-, Wirtschafts- und Innovationspolitiken nur unzureichend berücksichtigt. Lautermann verwies auf Fortschritte wie die 2023 beschlossene Nationale Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen. Diese zielt darauf ab, soziale Innovationen und gemeinwohlorientierte Unternehmen systematisch zu stärken und als festen Bestandteil der Innovations- und Wirtschaftspolitik zu etablieren. Zeitgleich dominiert in der Debatte oft ein enger Social-Entrepreneurship-Begriff, der wenig Verankerung in der historisch stark im Wohlfahrtsstaat begründeten „Sozialwirtschaft“ aufweist. Beides verdeckt die Breite kooperativen Wirtschaftens. Birkhölzer ergänzte historische Gründe: Der bundesdeutsche Nachkriegswohlstand und politische Brüche kooperativer Traditionen (durch NS- und DDR-Erfahrungen) wirken bis heute als Skepsis gegenüber kollektivem, demokratischem Wirtschaften. Das Ergebnis: SSE erscheint in Deutschland häufig als zersplittertes Feld – und wird politisch bisher kaum als zusammenhängender Transformationssektor erschlossen.
Städte als Infrastrukturen der Transformation – auch gegen den Wind von oben
Ein zentraler Take-away: Wenn nationale Rahmenbedingungen schwanken, können Städte trotzdem handeln – über Beschaffung, Flächenpolitik, Förderinstrumente, lokale Netzwerke und dauerhafte Trägerstrukturen. Am Beispiel Social Economy Berlin, einer regionalen Plattform für SSE, wurde sichtbar, was regionale Supportstrukturen leisten: Beratung, Vernetzung, Übersetzung zwischen Verwaltung, Kammern, Förderinstitutionen und Praxis – und die Forderung, öffentliche Beschaffung so zu gestalten, dass kooperative Betriebe realistische Chancen haben. Lautermann illustrierte das mit Ergebnissen aus Bremen: SSE ist sektorübergreifend präsent und kann ökonomisch eigenständig sein, eine Hochskalierung klappt aber selten ohne gezielte Transfer- und Verbundstrukturen.
Drei Forderungen aus dem Vergleich
Die Panelist:innen identifizierten gemeinsam zentrale Ansätze zur Stärkung kooperativen Wirtschaftens:
- Anerkennen und vermessen: Deutschland braucht eine breit etablierte SSE-Definition, systematisches Mapping (inkl. Wirkungsmessung) sowie Forschungs- und Entwicklungsförderung, damit SSE als Transformationssektor sichtbar wird – nicht nur als „Sozialprojekt“ oder „Startup-Sonderfall“.
- Kommunale Toolbox stärken: Öffentliches Beschaffungswesen, Rahmenverträge, Flächenzugang und langfristige Mietmodelle sollten SSE unterstützen und Planungssicherheit geben – weg von reiner Projektlogik, hin zum Infrastrukturdenken.
- Kooperation organisieren: Von Inseln zu Ökosystemen werden SSE-Organisationen durch den Aufbau kollektiver Strukturen, etwa Verbünde, Dachgenossenschaften, Social-Franchise-Ansätze. Beispiele wie Bürgerwerke (Plattform für Bürger-Energie-Projekte) oder das Mietshäusersyndikat (Plattform für gemeinschaftsgetragenes Wohnen) zeigen, wie gemeinsames Eigentum und Finanzierung Resilienz schaffen.
Die Schlussnote des Panels war programmatisch: Citizenship ist nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch. Eine gerechte Transformation braucht demokratisches Wirtschaften als Teil moderner Daseinsvorsorge und Resilienzentwicklung – lokal, kooperativ und wirksam.
