Overline: Workshop am IASS
Headline: Woher, wohin und wie? Interdisziplinäre Perspektiven auf regionale Nachhaltigkeitstransformationen

Teilnehmende des Workshops „Transformations towards sustainability at the regional level“ am IASS Potsdam.
Teilnehmende des Workshops „Transformations towards sustainability at the regional level“ am IASS Potsdam. IASS

Nachhaltigkeitstransformationen brauchen Veränderungen auf allen Ebenen. Es braucht Menschen, die den Mut haben, zielgerichtete Veränderungen anzugehen und befähigt sind, diese umzusetzen. Es braucht Vorreiter*innen und Projekte, die zeigen, dass nachhaltiges Handeln und Leben möglich ist. Und es braucht Vorgaben und Anreize, die helfen, dass die Transformation zur Nachhaltigkeit in der Breite erfolgt. Eine noch wenig untersuchte Frage ist, welche Rolle Regionen bei Nachhaltigkeitstransformationen spielen. Sie stand im Zentrum des Workshops „Transformations towards sustainability at the regional level“ am 25.11.2022 am IASS Potsdam. Dabei diskutierten wir insbesondere über solche Regionen, die von fossilen Energieträgern oder energieintensiven Industrien abhängig sind oder waren.

Regionen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie mehr als eine lokale Einheit umfassen, aber unterhalb der nationalstaatlichen Ebene angesiedelt sind. Die genaue Zugehörigkeit und auch die Identität(en) einer Region sind häufig politisch und gesellschaftlich umkämpft. Politik und insbesondere die Wirtschaftsförderung haben in den letzten Jahrzehnten verstärkt Regionen in den Blick genommen, weil man annimmt, dass sie oft die geeignete Größe für wirtschaftliche und kulturelle Erneuerung und Wandel besitzen. Die Workshop-Teilnehmenden gingen den Fragen nach, was geeignete Methoden sind, um Veränderungsprozesse auf der regionalen Ebene zu untersuchen, welche Erkenntnisse von anderen Ebenen und anderen Kontexten hierhin übertragen werden können und welche übergreifenden Muster sich aus der Untersuchung einzelner Fälle ergeben.

Als Einführung legte Arne Isaksen (Universität Agder, Norwegen) den Fokus auf regionale Innovationssysteme und ihre zunehmende Ausrichtung auf aktuelle Herausforderungen wie den Klimawandel. Isaksen unterschied grundsätzlich zwischen zwei Strategien: Reorientierung mithilfe bestehender Akteure und Strukturen und Transformation als radikaler Wandel unter Zuhilfenahme „neuer“ Akteure in den betroffenen Regionen. Welche Strategie sinnvoller ist, hänge vom Problembereich ab.

Nach dieser auf unternehmerisches Handeln ausgerichteten Perspektive legten David Löw Beer und Konrad Gürtler (beide IASS Potsdam) in ihrer Fallstudie das Augenmerk auf politisches Handeln in regionalen Governanceprozessen. Anhand des Lausitzer Strukturwandels in Brandenburg untersuchten sie, welche Rolle Nachhaltigkeitsziele bei der Auswahl von Projekten spielen und welche Nachhaltigkeitsverständnisse die beteiligten Akteure offenbaren. Regionaler Wandel finde hier im Spannungsfeld zwischen Landes- und Kommunalakteuren statt, und werde zudem durch neue Akteure mitgestaltet.

Gesa Pflitsch (Hochschule Westnorwegen) richtete den Blickwinkel auf Netzwerke, die den regionalen Wandel hin zur Nachhaltigkeit vorantreiben können. Ihr methodischer Ansatz einer Transition Topology, den sie auf die Nachhaltigkeitsnetzwerke in der Stadt Augsburg angewandt hat, offenbart insbesondere entscheidende Abzweigungsstellen (‚critical junctions‘) im zeitlichen Verlauf. Dazu kann etwa die Neugründung oder Veränderung einer Organisation zählen, die auf andere Organisationen ausstrahlt.

Anhand von Beispielen aus dem ländlichen Raum in Brandenburg stellte und diskutierte Benjamin Nölting (Hochschule für Nachhaltige Entwicklung, Eberswalde) einige große Fragen regionaler Nachhaltigkeitstransformationen: Ist Regionalentwicklung in der Lage, auf die Makroherausforderungen unserer Zeit zu reagieren und wie stehen Mikro- und Makroentwicklungen zueinander? Sollte regionaler Wandel an den lokalen Stärken ansetzen oder an Nachhaltigkeitsproblemen? Sollten Startpunkte regionalen Wandels in Akteursnetzwerken, Ressourcenausstattung, sozialen Innovationen oder eher in gemeinsamen Visionen verortet sein?

Zu letzterem gab Franziska Görmar (Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig) einen tieferen Einblick und erläuterte ihre Forschung zur Rolle von Identitäten, Narrativen und Imaginaries für Richtung, Grad, und Geschwindigkeit von regionalen Transformationen. Ihre Forschung nimmt insbesondere ehemalige Industrieregionen in Ostdeutschland in den Fokus, darunter Städte wie Zeitz und Lauchhammer. Peter Eckersley (Nottingham Trent University und IRS Erkner) untersuchte Faktoren für Nachhaltigkeitstransformationen vor allem in urbanen Räumen. Regionaltransformationen müssen ihm zufolge mit der Herausforderung umgehen, dass nicht alle Politikinstrumente gleichermaßen zur Verfügung stehen, da die regionalen Grenzen häufig nicht deckungsgleich mit den administrativen Entscheidungsräumen sind. Zudem ist die Wahl der Politikinstrumente von regionalen Faktoren wie dem Grad der Unterstützung in der Bevölkerung oder der Effektivität abhängig.

Zum Abschluss des Workshops richtete Timon Wehnert (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) den Blick noch einmal auf die Rolle von Nachhaltigkeitszielen in Kohleregionen. Dabei stellte er verschiedene konkrete Strategien vor, wie Nachhaltigkeitskriterien in der Strukturförderung verankert werden können. Er reicherte dies mit Beispielen guter Praxis auf nationaler und internationaler Ebene an. Auch in diesem Beitrag wurde deutlich, dass Nachhaltigkeitsziele in den Strukturwandelprozessen in den deutschen Braunkohlerevieren bislang kaum operationalisiert werden und daher nur geringe Wirkung entfalten.

Im Anschluss an den Workshop wurde diskutiert, welche akademischen und politikrelevanten Fragen von besonderer Bedeutung im Hinblick auf Regionaltransformationen sind. Die Fragen nach der Konkretisierung und Operationalisierung von Nachhaltigkeitszielen sowie den Hürden und Gelegenheiten bei ihrer Umsetzung wird einige der Teilnehmenden weiter begleiten. Am Rande kam dabei auch der Umgang mit denjenigen Akteuren zur Sprache, die Nachhaltigkeitstransformationen zurückhaltend bis ablehnend gegenüberstehen. Weiterhin ging es um die Balance zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen, sei es angesichts der Marginalisierung ökologischer Ziele oder angesichts der Verengung von sozialen Fragen auf einzelne Aspekte wie Arbeitsplatzerhalt. Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen in Deutschland und international können hier besonders aufschlussreich sein. Dabei wurden auch konkrete Ideen diskutiert, wie Erkenntnisse aus der bisherigen Governance regionaler Transformationen Eingang finden können in die Gestaltung von noch bevorstehenden Wandelprozessen.

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