Transformation ohne Drama: Wie Zusammenarbeit trotz Konflikten gelingen kann
09.09.2026
Bei der Nachhaltigkeitsinformation treffen die Interessen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Akteure aufeinander, Konflikte sind deshalb unvermeidlich. Umso wichtiger ist es, die Dynamiken zu verstehen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Wie das gelingen kann, zeigen RIFS-Forschende in einer neuen Studie, erschienen in der Zeitschrift „Sustainability Science“. Sie beschreiben darin vier miteinander verbundene Merkmale, die für transdisziplinäre Prozesse förderlich sind.
Wenn viel auf dem Spiel steht, die Zeit knapp ist und Verantwortlichkeiten umstritten sind, wird Zusammenarbeit oft schwierig. Diskussionen polarisieren, Akteure geben sich gegenseitig die Schuld. Einige fühlen sich machtlos, während andere aktiv werden und Verantwortung für die gemeinsame Lösung von Problemen übernehmen.
In ihrer Publikation „Beyond the Sustainability Drama: Transformative Response-Ability and relational dynamics in transdisciplinary processes“ untersuchen Thomas Bruhn und Man Fang solche immer wiederkehrenden Dynamiken genauer. Ausgehend vom psychologischen Modell des „Drama-Dreiecks“ analysieren sie, wie die bekannten Rollen von Opfer, Verfolger und Retter in Nachhaltigkeits- und Klimakontexten entstehen und sich gegenseitig verstärken können.
Beziehungen und Wechselwirkungen im Auge behalten
„Diese Dynamiken sind nicht einfach das Ergebnis schwieriger Persönlichkeiten. Sie können relational entstehen, also durch Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Menschen, und werden oft durch die strukturellen Bedingungen, Machtasymmetrien, emotionale Intensität und moralische Dringlichkeit verstärkt, die für Nachhaltigkeitstransformationen charakteristisch sind“, erläutert Thomas Bruhn.
Doch wie kann die Zusammenarbeit konstruktiv bleiben, wenn sich diese Dynamiken nicht einfach beseitigen lassen? Hier stellt der Artikel die so genannte „Transformative Response-Ability“ (TRA) als relationale Perspektive auf diese Herausforderung vor. TRA ist eine sich entwickelnde Eigenschaft des Beziehungsfeldes: die Fähigkeit einer Gruppe, in Verbindung zu bleiben und konstruktiv zu agieren, selbst wenn Konflikte, Frustration, ungleiche Machtverhältnisse oder Gefühle der Hilflosigkeit vorhanden sind.
Vier Merkmale sind im Kontext von TRA besonders wichtig:
- Relationale Präsenz: Bei dieser Form der Interaktion sind sich die Beteiligten stets bewusst, dass sie in Beziehung zu anderen stehen, und handeln entsprechend. Dies zeigt sich durch kleine und oft subtile Interaktionsmuster. Die Teilnehmenden erkennen einander als wichtige Stimmen im Gespräch an, laden andere aktiv dazu ein, noch nicht vertretene Perspektiven einzubringen, und zeigen ein Bewusstsein dafür, dass ihre eigenen Beiträge Auswirkungen auf die anderen Anwesenden haben.
- Fähigkeit, mit der Fragilität konstruktiver Interaktion umzugehen: Frustration, Schuldzuweisungen, moralische Urteile und Hilflosigkeit prägen komplexe Kooperationsprozesse. Entscheidend ist daher nicht, solche Dynamiken zu vermeiden, sondern die Fähigkeit der Gruppe zu stärken, mit ihnen umzugehen, ohne unmittelbar in Drama-Muster wie Abwehr, Eskalation oder starre Rollen zu verfallen.
- Relationales Verständnis von Verantwortung und Handlungsfähigkeit: Die Beteiligten verstehen Verantwortung als situierte und relationale Handlungsfähigkeit. Sie konzentrieren sich darauf, was sie selbst beitragen können, benennen zugleich ihre Grenzen und beziehen andere aktiv ein. Handlungsfähigkeit entsteht dann nicht durch einzelne „Helden“, sondern durch das Zusammenspiel verschiedener Beiträge. Verantwortung wird gemeinsam ausgehandelt und Macht zunehmend als „Macht mit“ statt als „Macht über“ verstanden.
- Fähigkeit, Machtasymmetrien zu adressieren: TRA-geprägte relationale Felder blenden Machtunterschiede und Asymmetrien nicht aus, sondern beziehen sie in die Zusammenarbeit ein. Unterschiede in Einfluss, Ressourcen und institutioneller Position können offen thematisiert werden, ohne unmittelbar Abwehr oder starre Rollen auszulösen. Auch Personen mit größerem Einfluss können ihre Handlungsmöglichkeiten und Grenzen benennen, ohne sich rechtfertigen oder in eine Retterrolle gedrängt zu fühlen.
Das Empfehlungen werdend anhand von Erfahrungen aus experimentellen Kommunikationsräumen bei UN-Klimakonferenzen (COPs) veranschaulicht, bei denen Teilnehmende mit unterschiedlichem institutionellem und beruflichem Hintergrund ermuntert wurden, etablierte Verhandlungsroutinen zu verlassen und auf andere Weise miteinander in Kontakt zu treten.
Relationaler Ansatz erfordert keine konfliktfreien Räume
„Wir wenden uns letztlich gegen die Vorstellung, dass erfolgreiche Zusammenarbeit konfliktfreie Räume erfordert. Nachhaltigkeitstransformationen werden unweigerlich Spannungen, konkurrierende Interessen, historische Verantwortlichkeiten und starke Emotionen mit sich bringen. Die relevantere Frage könnte daher lauten, wie wir relationale Bedingungen schaffen, die es den Menschen ermöglichen, handlungsfähig zu bleiben“, so Bruhn. Anstatt einen Ausweg aus dem „Nachhaltigkeitsdrama“ zu versprechen, biete „Transformative Response-Ability“ eine Perspektive darauf, wie wir lernen könnten, anders damit umzugehen.
Bruhn, T., Fang, M. Beyond the sustainability Drama: Transformative response-ability and relational dynamics in transdisciplinary processes. Sustain Sci (2026). https://doi.org/10.1007/s11625-026-01882-0
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