Neuer Analyserahmen: Wie kohärent ist die EU-Meerespolitik?
21.10.2026
Die Meerespolitik in der Europäischen Union ist fragmentiert. Das erschwert die Bewältigung miteinander verknüpfter Herausforderungen wie Biodiversitätsverlust, Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ressourcennutzung. Politische Maßnahmen, die von verschiedenen Sektoren und Verwaltungsebenen entwickelt werden, können Lücken, Überschneidungen und Unstimmigkeiten aufweisen. Eine neue, in der Fachzeitschrift „Marine Policy“ veröffentlichte Studie stellt mit dem „Policy Coherence Framework“ ein Analyseraster vor, das Analyst:innen, politischen Entscheidungstragenden und Forschenden dabei helfen soll, Wechselwirkungen der EU-Meerespolitik systematisch zu bewerten und Maßnahmen so zu gestalten, dass sie sich gegenseitig verstärken.
„Politische Kohärenz ist in der Meerespolitik besonders wichtig, da Meeresökosysteme miteinander vernetzt sind und Umweltbelastungen über rechtliche Zuständigkeiten wie nationale Grenzen hinweg wirken. Wenn politische Maßnahmen inkonsistent sind, kann dies zu Umsetzungsproblemen und Konflikten zwischen den Interessengruppen führen und letztlich zur Umweltzerstörung beitragen. Im Gegensatz dazu kann das Streben nach politischer Kohärenz Synergien zwischen politischen Maßnahmen schaffen, den Verwaltungsaufwand verringern und die institutionelle Widerstandsfähigkeit stärken“, sagt Ben Boteler, RIFS-Forscher und Ko-Autor der Studie.
Ein genauerer Blick auf politische Wechselwirkungen
Bisherige Bewertungsmethoden prüfen vor allem, ob politische Ziele aufeinander abgestimmt sind, und bieten nur begrenzte analytische Anhaltspunkte dafür, wie politische Maßnahmen in der Praxis zusammenwirken. Das „Policy Coherence Framework“ schließt diese Lücke mit einem strukturierten, qualitativen Ansatz. Es wurde im Rahmen des von der EU finanzierten CrossGov-Projekts (Coherent and Cross-compliant Ocean Governance) entwickelt und kombiniert zwei sich ergänzende Elemente. Das erste bietet einen strukturierten Ansatz zur Bewertung der Kohärenz zwischen politischen Zielen und politischen Maßnahmen und bezieht Aspekte der rechtlichen Ausgestaltung ein. Das zweite erklärt die Ergebnisse durch die Untersuchung institutioneller Faktoren wie staatlichen Organisationen, von Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sowie der Einbindung von Interessengruppen.
Die Forschenden wendeten das erste Element auf zwei Politikcluster an: das Biodiversitäts-Cluster (Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, Vogelschutzrichtlinie, Wasserrahmenrichtlinie, Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, Verordnung über die Wiederherstellung der Natur) sowie ein sektorübergreifendes Cluster, das Biodiversität und Offshore-Windenergie miteinander verknüpft (Richtlinie über erneuerbare Energien III, Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und Vogelschutzrichtlinie). Das Ergebnis: Kohärenzprobleme sind oft nicht allein auf unvereinbare Ziele zurückzuführen, sondern auch auf Unterschiede in der Rechtsform, der Verbindlichkeit, den Zeitplänen, den Ausnahmeregelungen und den tatsächlich umgesetzten Maßnahmen.
„Beispielsweise werden Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien durch starke Umsetzungsmechanismen wie beschleunigte Genehmigungsverfahren und die Vermutung eines vorrangigen öffentlichen Interesses gestützt, während Ziele im Bereich der biologischen Vielfalt oft auf Schutzmaßnahmen beruhen, die als Entwicklungshemmnisse wirken. Dies kann in der Praxis zu einer ungleichmäßigen Prioritätensetzung führen“, sagt Cristian Passarello, RIFS-Forscher und Ko-Autor. „Das ‚Policy Coherence Framework‘ macht diese Wechselwirkungen explizit, damit sie besser adressiert werden können.“
Ein entscheidender Zeitpunkt für die europäische Meerespolitik
Das Rahmenwerk erscheint zu einem politisch bedeutsamen Zeitpunkt: Im Juni 2025 wurde der Europäische Ozeanpakt verkündet und innerhalb der nächsten zwölf Monate soll ein Ozeangesetz entstehen, das die Meerespolitik der EU in einem einheitlichen Rahmen bündelt. Daneben laufen Überarbeitungen der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, der Richtlinie zur maritimen Raumplanung und der Gemeinsamen Fischereipolitik. Vor diesem Hintergrund argumentieren die Autorinnen und Autoren, dass robuste Methoden zur Bewertung der Kohärenz dringend benötigt werden.
Publikation:
Platjouw, F. M., Sander, G., Friedrich, L., Trubbach, S., Puharinen, S.-T., Passarello, C., Soininen, N., Kyrönviita, J., & Boteler, B. (2026). Assessing policy coherence in EU marine governance: A legal and institutional methodological framework. Marine Policy, 193: 107205.
https://doi.org/10.1016/j.marpol.2026.107205
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Cristian Passarello

