Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Mehr als ein Kommunikationstool: Wie digitale Beteiligung die Energiewende voranbringen kann

23.06.2026

Für das Gelingen der Energiewende ist eine aktive Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern, Stakeholdern und Kommunen unverzichtbar. Digitale Beteiligungsplattformen versprechen einen breiteren Zugang zu Planungsprozessen. In einer neuen Studie, erschienen in Renewable and Sustainable Energy Reviews, fordern Forscher allerdings einen grundlegenden Wandel in der Umsetzung der digitalen Partizipation. Statt als Sammelsurium einzelner Kommunikationstools sollte diese als ganzheitliche Beteiligungsinfrastruktur für den gesamten Planungsprozess verstanden werden.

Digitale Partizipation sollte als ganzheitliche Infrastruktur für den Planungsprozess verstanden werden.
Digitale Partizipation sollte als ganzheitliche Infrastruktur für den Planungsprozess verstanden werden.

„Von den neuen Optionen digitaler Beteiligung wird zunehmend erwartet, dass sie die Transparenz, die Vermittlung von Planungsinhalten und das Konfliktmanagement bei der lokalen Energiewende verbessern. Derzeit sind allerdings viele Instrumente nicht hinreichend in den Planungsprozess eingebettet, sondern fungieren eher als Add-ons, um etwa Kommentierungen der Bevölkerung zu ermöglichen“, erläutert Erstautor Jörg Radtke vom RIFS. Um ihr volles Potenzial auszuschöpfen, müssten die digitalen Angebote so in den Prozess eingebunden werden, dass sie komplexe Projekte erklären, Gemeinschaften in Planungsprozesse einbinden und sichtbare Verbindungen zwischen Bürgerbeteiligung und der konkreten Umsetzung schaffen.

Die von Jörg Radtke und Nino S. Bohn (Universität Siegen) durchgeführte Studie verbindet eine umfassende Auswertung der aktuellen Forschungslage mit den Ergebnissen des dreijährigen Forschungsprojekts „Partizipative Energiewende-Visualisierung und Kommunikation" (ENVIKO), an dem mehr als 800 Teilnehmende aus Kommunen, Energieverbänden, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Entwicklungs-Workshops für eine konkrete Beteiligungsplattform beteiligt waren.

Die Wissenschaftler identifizierten fünf häufige Probleme:

  1. Rekrutierung erreicht einige Gruppen nicht
    Viele digitale Beteiligungsplattformen ziehen immer wieder dieselbe kleine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger an, während sie breitere Teile der Bevölkerung nicht erreichen. Daher können Beteiligungsprozesse den Eindruck einer breiten öffentlichen Beteiligung erwecken, ohne jedoch die gesamte Bandbreite der Perspektiven der Bevölkerung abzubilden.
  2. Teilnehmende misstrauen Visualisierungen
    Digitale Tools nutzen zunehmend Karten, 3D-Modelle, virtuelle Realität und Simulationen, um den Menschen zu helfen, vorgeschlagene Energieprojekte zu verstehen. Die befragten Bürgerinnen und Bürger bezweifelten jedoch, dass diese Visualisierungen die Realität genau widerspiegeln. Einige mutmaßten, dass wichtige Annahmen verschleiert wurden.
  3. Feedback fließt zu wenig in tatsächliche Entscheidungen ein
    Viele Beteiligungsplattformen machen es den Bürgerinnen und Bürgern leicht, Kommentare, Vorschläge oder Bedenken einzureichen. Doch die Teilnehmenden haben oft kaum Einblick darin, was nach der Abgabe ihres Feedbacks geschieht oder ob es Planungsentscheidungen beeinflusst. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Beiträge in einer „Black Box“ verschwinden, kann die Beteiligung eher zu Frustration als zu mehr Vertrauen und Engagement führen.
  4. Plattformen sind nicht in Planungsprozesse integriert
    Digitale Partizipationsinstrumente werden oft als eigenständige Plattformen eingeführt, die getrennt von Planungs- und Entscheidungsprozessen betrieben werden. Bürgerinnen und Bürger wissen deshalb nicht, in welchem Zusammenhang Online-Konsultationen mit öffentlichen Sitzungen, behördlichen Prüfungen oder endgültigen Entscheidungen stehen. 
  5. Unzureichende organisatorische Kapazitäten
    Erfolgreiche Beteiligungsplattformen erfordern kontinuierliche Pflege, Moderation, technischen Support, Datenaktualisierungen und die Bearbeitung von Bürgerbeiträgen. Vielen Kommunen und Organisationen fehlen das Personal, das Fachwissen, die Zeit oder die finanziellen Mittel, um diese Aktivitäten langfristig aufrechtzuerhalten. Infolgedessen haben vielversprechende digitale Beteiligungsinitiativen Schwierigkeiten, über kurzfristige Pilotprojekte hinauszuwachsen und zu dauerhaften öffentlichen Ressourcen zu werden.

Transparenz fördert demokratische Legitimation

„Bürgerinnen und Bürger wollen mehr als nur einen Ort, an dem sie Feedback hinterlassen können. Sie wollen klare Informationen, Transparenz über den Prozess und den Nachweis, dass ihre Beiträge die Ergebnisse beeinflussen können“, fasst Jörg Radtke die Ergebnisse zusammen. Wenn Organisatoren dies berücksichtigen, könne digitale Beteiligung einen wertvollen Beitrag zu einer demokratisch legitimierten Energiewende leisten.

Die ENVIKO-Plattoform ist dabei nicht einfach ein weiteres Beteiligungs-Tool, sondern vielmehr das „Betriebssystem“ der Bürgerbeteiligung: die Schicht, auf der Information, Dialog und Verfahren zusammenlaufen. Nino Bohn, der für die Entwicklung des konkreten Tools verantwortlich war, ergänzt: „Uns ist es gelungen, einen Prototypen zu erschaffen, der eben diese Beteiligungs-Infrastruktur bietet.“ Nach Ablauf des Forschungsprojektes kommt es jetzt auf den weiteren Einsatz in der Praxis an. Interessierte können auf die Beteiligungsplattform über die im Projekt beteiligte LandPlan OS GmbH zugreifen.

Radtke, J., Bohn, N. S. (2026). Digital participation as participatory infrastructure in local energy transitions: A review-informed framework, Renewable and Sustainable Energy Reviews 116651. https://doi.org/10.1016/j.rser.2025.116651.

Kontakt

Dr. Jörg Radtke

Projektleiter
joerg [dot] radtke [at] rifs-potsdam [dot] de

Dr. Bianca Schröder

Referentin Presse und Kommunikation
bianca [dot] schroeder [at] rifs-potsdam [dot] de
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