CCS: Wie eine umstrittene Technologie ihr politisches Comeback schaffte
28.07.2026
Die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) gewinnt in der deutschen Klimadebatte wieder an Bedeutung. Eine in Environmental Politics erschienene Studie untersucht die Ursachen des politischen Comebacks und zeigt, dass die ursprünglich vorgesehenen engen Einsatzgrenzen für CCS im Laufe des politischen Prozesses zunehmend aufgeweicht wurden. Dadurch steige das Risiko, dass fossile Infrastrukturen länger genutzt und andere Klimaschutzmaßnahmen in den Hintergrund gedrängt werden.
„In Deutschland galt CCS lange als politisch kaum durchsetzbar. Umso spannender ist die Frage, wie die Technologie innerhalb weniger Jahre wieder zu einem festen Bestandteil der klimapolitischen Diskussion werden konnte“, sagt Erstautor Tobias Haas vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS). Ende der 2000er Jahre scheiterte ein erster Versuch, CCS einzuführen, am Widerstand von lokalen Initiativen, Umwelt-NGOs und geringer Akzeptanz der Öffentlichkeit. Anschließend spielte die Technologie in der deutschen Politik über viele Jahre keine Rolle, obwohl sie in Klimaszenarien weiterhin als wichtiger Baustein für das Erreichen der Klimaneutralität galt.
Neue Erzählung schafft mehr Akzeptanz
Das politische Comeback wurde von der Ampelkoalition eingeleitet. Sie überarbeitete das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz, entwickelte eine Carbon-Management-Strategie und arbeitete an einer Langfriststrategie für unvermeidbare Restemissionen. Die Etablierung des Oberbegriffs „Carbon Management“ öffnete die Tür für viele technologische Ansätze. Darin eingeschlossen sind neben CCS auch die Nutzung abgeschiedenen Kohlendioxids (Carbon Capture and Utilization, CCU) sowie Verfahren zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR).
„Der Begriff des Carbon Management ist politisch attraktiv, weil er CCS in einen neuen Zusammenhang stellt", erklärt Haas. „Die Technologie wird nicht mehr isoliert als umstrittenes Verfahren diskutiert, sondern als Teil eines umfassenderen Managementansatzes.“ Dieser Perspektivwechsel habe eine Schlüsselrolle für das politische Comeback von CCS gespielt.
Wie statt Ob
Gleichzeitig verschob sich die Debatte: Statt darüber zu streiten, ob CCS überhaupt eingesetzt werden sollte, rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie weit sein Einsatz reichen darf. Dabei wurden die ursprünglich vorgesehenen Bedingungen für den Einsatz der Technologie Schritt für Schritt gelockert. Zu Beginn der Debatte bestand noch weitgehend Einigkeit darüber, dass CCS nur dort eingesetzt werden sollte, wo sich CO₂-Emissionen technisch nicht vermeiden lassen, und dass Emissionsvermeidung grundsätzlich Vorrang haben müsse.
2025 verabschiedete die aktuelle Bundesregierung eine Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes. Diese legt zwar weiterhin den Schwerpunkt auf die Speicherung unter dem Meeresboden, jedoch wurden die ursprünglichen Einsatzbeschränkungen weiter gelockert. Das Gesetz schließt lediglich Kohlekraftwerke vom Einsatz von CCS aus, die ohnehin bis 2038 stillgelegt werden sollen. Zugleich plant die Bundesregierung zusätzliche Kraftwerkskapazitäten von 12 Gigawatt. Diese sollen bis 2045 „technologieoffen“ klimaneutral werden. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren könnte dies den Einsatz von CCS auch bei neuen Gaskraftwerken erleichtern und damit die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verlängern.
Klare Definition für „schwer vermeidbare Emissionen“ nötig
Die Studie identifiziert drei Gründe dafür, warum sich die ursprünglich angestrebten engen Einsatzgrenzen für CCS nicht durchsetzen konnten: Umweltverbände vertraten unterschiedliche Positionen, wodurch ihre gemeinsame politische Schlagkraft geschwächt wurde. Gleichzeitig ging in der öffentlichen Debatte zunehmend verloren, dass viele Befürworter CCS nur unter strengen Bedingungen zulassen wollten. Schließlich wurden die Bedingungen in einem langwierigen politischen Entscheidungsprozess weiter aufgeweicht.
Die Autorinnen und Autoren empfehlen deshalb, den Einsatz von CCS künftig an klar definierte Bedingungen zu knüpfen. Dazu gehöre insbesondere eine verbindliche Festlegung, welche Emissionen tatsächlich als schwer vermeidbar gelten. „Sonst besteht die Gefahr, dass immer mehr Emissionen nachträglich als unvermeidbar eingestuft werden und der Einsatz von CCS schrittweise ausgeweitet wird“, sagt Haas. Die Rolle von CCS sei deshalb nicht allein eine technische oder wirtschaftliche Frage, sondern eine politische Entscheidung darüber, welchen Weg Deutschland zur Klimaneutralität einschlagen wolle. Die Debatte um CCS stehe exemplarisch für die Gefahr, dass zur Erreichung der Klimaziele auf Technologien gesetzt wird, die bisher noch keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten und von denen unklar ist, ob sie in Zukunft im großen Maßstab „liefern“ werden.
Haas, T., Brad, A., Schneider, E., Hüttenhain, Z., & Koinzer, J. (2026). The renaissance of carbon capture and storage in Germany and the politics of conditionality. Environmental Politics, 1–28. https://doi.org/10.1080/09644016.2026.2700726
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