Buch analysiert Methoden für faire Bürgerbeteiligung
27.01.2026
Das Buch „Fairness and Competence in Citizen Participation: A Critical Review of Formats for Deliberative Poliymaking" untersucht, wie eine professionell und fair gestaltete Bürgerbeteiligung die Demokratie stützen und eine effektive Umweltpolitik fördern kann. In den Kapiteln stellen renommierte Autorinnen und Autoren aus aller Welt die Vorteile und Grenzen unterschiedlicher Formate zur Beteiligung der Öffentlichkeit an der Politikgestaltung vor.
Das Buch, herausgegeben von Ortwin Renn (RIFS), Thomas Webler (Social and Environmental Research Institute, USA) und Pia-Johanna Schweizer (RIFS) ist eine vollständig überarbeitete Fassung des 1995 erschienenen Buches „Fairness and Competence in Citizen Participation: Evaluating Models for Environmental Discourse”, damals herausgegeben von Ortwin Renn, Thomas Webler und Peter Wiedemann. Seit der Veröffentlichung haben sich Theorie und Praxis der Bürgerbeteiligung erheblich verändert: Vor 30 Jahren war die deliberative Bürgerbeteiligung ein weitgehend theoretisches Ideal. Mittlerweile sind Verfahren, die früher als Innovationen im Bereich der Bürgerbeteiligung galten, ein etablierter Teil der politischen Landschaft, vor allem in der Umweltpolitik.
Dieser Erfolg bringt jedoch die Verantwortung mit sich, die Leistungsfähigkeit dieser neuen Instrumente für demokratische Beratungen systematisch zu untersuchen. Das neue Buch leistet genau dies: Jeweils ein Autor oder eine Autorin stellt das jeweilige Format in seinen Grundzügen und seiner Leistungsfähigkeit vor, während ein zweiter Autor oder eine zweite Autorin die Grenzen und Herausforderungen im Praxistest herausstellt. Diese paarweise Anordnung von Pro- und Contra-Argumenten zieht sich durch das ganze Buch. Die differenzierten Betrachtungen sollten dazu beitragen, die Stärken dieser Formate bewusst einzusetzen und mögliche Schwächen zu vermeiden. Dadurch können Fehlentwicklungen in der Praxis vermieden werden.
Behandelt werden insgesamt acht zurzeit besonders beliebte Formate der deliberativen Bürgerbeteiligung: Bürgerjurys, Decision Theaters (computergestützte, dialogbasierte Entscheidungsverfahren), Online-Deliberation, Konsenskonferenzen, deliberative Meinungsabfrage, Mediationsverfahren, Bürgerräte (Bürgerforen, Mini-Publics) und Multi-Stakeholder-Plattformen (Runde Tische). Darüber hinaus umfasst das Buch zwei Kapitel zur konzeptionellen Einordnung der Beteiligung als Element von Demokratie und politischer Kultur sowie am Ende des Buches eine Zusammenfassung der Vor- und Nachteile aller behandelten Formate.
In diesem letzten Kapitel entwickeln die Herausgebenden acht zentrale Botschaften aus den jeweiligen Gegenüberstellungen der Formate:
- Für Bürgerbeteiligung gibt es keinen Königsweg. Vielmehr haben alle Formate Vor- und Nachteile. Kombinationen von Formaten sind vielfach erforderlich, um eine faire und effektive Beteiligung bei komplexen Problemen sicherzustellen.
- Bei den Formaten kommt es nicht allein auf Repräsentativität der Teilnehmenden an den Formaten an. Es geht um Vielfalt und um eine gerechte Mitwirkung der betroffenen Menschen an der Gestaltung ihrer Lebenswelt.
- Beteiligung ist wirkungslos, wenn der Transfer in die zuständigen Entscheidungsgremien ausbleibt oder nur symbolisch erfolgt.
- Digitale Tools sind vielversprechend, bergen aber auch die Gefahr, Ausgrenzung und Intransparenz zu verstärken.
- Die Qualität der Deliberation hängt von einer fairen und nachvollziehbaren Auswahl der Teilnehmenden sowie einer kompetenten professionellen Moderation ab, der es gelingen muss, die vielfältigen Arten des Wissens und der Argumentation ausgewogen und angemessen zusammenzuführen.
- Formate müssen auf den jeweiligen Fall zugeschnitten werden. Der Kontext, das behandelte Problem und die mit der Beteiligung verbundene Zielstellung sind wesentliche Gestaltungskriterien für die Auswahl und Kombination von Formaten.
- Eine zufällige Auswahl der Teilnehmenden wie bei Bürgerräten oder Bürgerforen erhöht zwar die Fairness, läuft aber Gefahr, die Personen auszuschließen, die in der Gesellschaft besonders ausgegrenzt oder unterrepräsentiert sind. Um diesen Personen eine Stimme zu geben, sind spezielle Formate, die bewusst nur diese Gruppen ansprechen, wie etwa Fokusgruppen, zu empfehlen.
- Deliberative Prozesse zur Unterstützung (nicht zum Ersatz) demokratischer Entscheidungsprozesse sind ein vielversprechender Weg, um demokratische Regierungsführung mit gesellschaftlichen Werten Interessen und Präferenzen in Einklang zu bringen und dadurch die demokratischen Prinzipien und die demokratische Praxis zu stärken.
Das Buch richtet sich an Forschende, Praktikerinnen und Vertreter von Verwaltungen, öffentlichen und privaten Institutionen sowie Nichtregierungsorganisationen, die an einer wissenschaftlich fundierten und praktisch bewährten Anleitung zur Auswahl und Gestaltung von Beteiligungsformaten interessiert sind.
Schweizer, P.-J., Renn, O., & Webler, T. (2025). Conclusions and Outlook. In Fairness and Competence in Citizen Participation: A Critical Review of Formats for Deliberative Policymaking (pp. 367-389). Cham: Springer Nature Switzerland. doi:10.1007/978-3-032-02302-5_21.
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Dr. Pia-Johanna Schweizer
