Beeinflussen KI-Chatbots die Nachhaltigkeitskultur in Unternehmen?
24.06.2026
Beeinflussen KI-Chatbots die Nachhaltigkeitskultur in Unternehmen?
In der zweiten Juni-Woche 2026 war das Digitalisierungsteam des RIFS auf der 13. „International Conference on Information and Communications Technology for Sustainability 2026”, kurz ICT4S 2026, in Bern mit einem interaktiven Workshop vertreten. Im Zentrum stand eine Frage, die für Nachhaltigkeitsforscherinnen und Nachhaltigkeitsforscher immer relevanter wird: Welche Werte transportieren KI-Chatbots eigentlich, wenn sie zu Nachhaltigkeitsfragen konsultiert werden?
Denn Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Claude oder Grok wirken nicht nur als technische Werkzeuge, sondern oft auch als stille Deutungsinstanzen, die beeinflussen könnten, wie über ökologische und soziale Verantwortung, Konflikte und Zukunftsfragen nachgedacht wird.
Die ICT4S-Konferenz bringt Expertinnen und Experten aus der Forschung, Politik, IKT-Branche, und aus dem Bereich Nachhaltigkeit zusammen, um zu erörtern, wie digitale Technologien den Umweltschutz, die soziale Verantwortung und die langfristige wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit fördern können. Digitale Technologien und ihre Infrastruktur selbst sollten dabei so gestaltet werden, dass sie ökologische und soziale Systeme nicht überlasten.
Vor diesem Hintergrund wollten wir als Forschungsgruppe Digitalisierung und Transformation zur Nachhaltigkeit genauer verstehen, was passiert, wenn Unternehmen KI-Systeme für Corporate Social Responsibility (CSR) einsetzen. Wenn generative KI zwar verbreitet in Unternehmen genutzt wird, aber ohne kritische Reflexion der Ergebnisse, kann KI unbemerkt zum Informationsfilter werden – mit Folgen für nachhaltigkeitsrelevante Entscheidungen.
In unserem Workshop schlüpften die Teilnehmenden in die Rolle einer Nachhaltigkeitsmanagerin oder eines Nachhaltigkeitsmanagers bei einem fiktiven mittelständischen Automobilzulieferer mit rund 800 Beschäftigten, bei dem erstmalig eine Nachhaltigkeitsstrategie entworfen und implementiert werden soll. In Gruppen arbeiteten sie mit denselben Ausgangsszenarien und ließen sich von zwei unterschiedlichen KI-Chatbots, Claude und Grok, Vorschläge für knifflige Nachhaltigkeitsdilemmata geben. Im Fokus standen zwei zentrale Themen: Diversity, Equity and Inclusion (DEI) und Stakeholder-Engagement.
Besonders deutlich wurde, dass Diversität nicht in allen Facetten berücksichtig und eher auf eine reine Betriebslogik reduzieren wird. Statt Diversität als grundlegenden strukturellen Wert zu behandeln, rahmten die KI-Chatbots das Thema häufig als HR-Frage, als Mittel zur Risikominimierung oder als Baustein für bessere Personalprozesse. Hinzu kam ein weiteres Problem: Die Vorschläge blieben oft vage. Zwar lieferten die Chatbots strategisch klingende Texte, doch konkrete Kennzahlen, mit denen sich Fortschritt messen ließe, fehlten fast vollständig. Denn wer Nachhaltigkeit glaubwürdig steuern will, braucht mehr als gut formulierte Absichten. Es werden vielmehr überprüfbare Ziele, messbare Indikatoren und eine klare Vorstellung davon benötigt, was sich im Unternehmen tatsächlich verändern soll.
Im Vergleich zwischen Claude und Grok zeigten sich interessante Unterschiede. Claude betonte zwar offen die Spannung zwischen wirtschaftlichen Zielen und Nachhaltigkeit, blieb bei den tatsächlichen Handlungsempfehlungen aber eher allgemein. Grok wirkte dagegen direkter und praktischer, teilweise sogar überraschend menschennah für einen KI-Chatbot. Gleichzeitig blieb offen, ob dabei nicht kritische Perspektiven unter den Tisch fielen. Zudem waren die Teilnehmenden teilweise frei in der sprachlichen Ausprägung ihrer konkreten Prompts, was ebenfalls Einfluss auf die Ergebnisse hatte. Einschränkend ist deswegen anzumerken, dass mehr Zeit und/oder stärker variierende Prompts eventuell zu konkreteren Ergebnissen führen könnten.


