Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit | am GFZ

Geschlechtergerechtigkeit als Grundvoraussetzung nachhaltiger Energietransformationen

27.05.2026

Franziska Stölzel

franziska [dot] stoelzel [at] rifs-potsdam [dot] de

Katharina Beste

katharina [dot] beste [at] rifs-potsdam [dot] de
Die Gleichstellungskonferenz 2022 in Spremberg war die erste Veranstaltung zur Gleichstellung im Strukturwandel in den ehemaligen Kohlerevieren.

Transformationsforschung bedeutet nicht nur die technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen in einer Gesellschaft zu beleuchten, sondern explizit Fragen der Gerechtigkeit einzuschließen, um eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen. Das RIFS forscht seit einiger Zeit zum Strukturwandel in der Lausitz und dem Rheinischen Revier, wobei sich deutlich zeigt, dass gerade geschlechtsspezifische Unterschiede bislang zu wenig Beachtung finden. Das Thema haben wir im Journal „Forum Wissenschaft“ näher beleuchtet.

Strukturwandel in der Lausitz

Blicken wir auf die bisherigen Studien zu weiblichen Perspektiven im Kohleausstieg, wird schnell sichtbar, dass Geschlechtergerechtigkeit stärker in den Fokus von Planungs- und Veränderungsprozessen rücken muss, um bestehende Ungleichheiten nicht nur auszuräumen, sondern auch zu verhindern, dass sie sich verstärken. Geschlechterunterschiede treten im Strukturwandel besonders deutlich hervor, da Transformationsdynamiken bestehende Ungleichheiten wie unter einem Brennglas sichtbar machen. In der Lausitz zeigt sich, dass die nachhaltige Gestaltung der Region im Zuge des geplanten Kohleausstiegs bis 2038 bislang hauptsächlich technisch-ökonomisch gedacht ist und die wegfallenden Arbeitsplätze in der Industrie zu kompensieren versucht. Weiche Standortfaktoren, wie Bildung, Kultur und soziale Infrastrukturen, die aufgrund tradierter Geschlechterrollen besonders Frauen zu Gute kommen, werden wenig berücksichtigt. Dies liegt auch an der Unterrepräsentanz von Frauen in Entscheidungsgremien, in denen richtungsweisende Beschlüsse für die Transformation verabschiedet werden.

Der BBSR-Gender-Index kommt für die Lausitz im Bereich Partizipation lediglich auf einen Wert von 31,3 Prozent der politischen und gesellschaftlichen Partizipation von Frauen. (Milbert et al. 2026). Veränderungsprozesse der Region sind auf die Bedarfe vor allem junger Frauen nicht ausgerichtet. Salomo (2019) beschreibt die Folgen unter anderem in der Abwanderung junger und gut ausgebildeter Frauen aus der Region, aber auch als demografische Maskulinisierung ganzer Landkreise. Diese könne gewaltvolles Dominanzverhalten unter Männern fördern und auch rechtsextreme Einstellungen begünstigen, die in der Lausitz ohnehin weit verbreitet sind. Ein Strukturwandel, der nur auf Industriearbeitsplätze sowie technische Innovation und Infrastruktur ausgerichtet ist, versäumt es, laut Pflücke/Jacobsen (2023), diesen Dynamiken etwas entgegenzusetzen und auch eine transformative Gerechtigkeit gegenüber den 52 Prozent weiblichen Beschäftigten herzustellen, die vor 1989 in der Lausitzer Kohle tätig waren.

Intersektionale Verschränkungen von Ungleichheit in der Energietransformation

Frauen sind von den Folgen der Klimakrise in besonderem Maße betroffen. Da sie einen Großteil der häufig unbezahlten Sorge- und Pflegearbeit leisten, nehmen gesundheitliche Risiken auf sich, die als Folge von Umweltverschmutzungen, Wasserknappheit und extremer Hitze entstehen. Global betrachtet treffen diese Ungleichheiten in besonderem Maße indigene Bevölkerungsgruppen und ethnische Minderheiten, deren Lebensgrundlagen und kulturelle Praktiken stark mit der sie umgebenden Umwelt verknüpft sind. Auch Menschen mit geringem Einkommen können sich seltener vor klimaspezifischen Risiken schützen und haben noch dazu nicht die finanziellen Mittel, um durch den Kauf von E-Autos, Wärmepumpen oder der Mitgliedschaft in einer Bürgerenergie an der Energiewende zu partizipieren. Wenn Prozesse der Energietransformation nicht intersektional gedacht werden und marginalisierte Gruppen gezielt einbeziehen, verstärken sich Ungleichheiten hinsichtlich Einkommen, Geschlecht, Gesundheit, Alter und Ethnizität.

Warum Strukturwandel Geschlechtergerechtigkeit braucht

Der Strukturwandel betrifft nicht nur den Kohleausstieg, sondern reicht von der Automobilindustrie über die Land- und maritime Wirtschaft hin zur Digitalisierung der entstehenden neuen Arbeitsformen. Transformation betrifft damit alle Regionen und Branchen. Viele dieser Industrien sind historisch gewachsene Männer-Domänen. Frauen sind dabei zwar oft in stabilen Sektoren, wie dem Dienstleistungsbereich, tätig, diese sind jedoch in der Regel schlechter bezahlt und profitieren seltener von Investitionen im Rahmen der geplanten Strukturwandelprozesse. Geschlechtergerechtigkeit ist daher nicht mehr nur als Frauenthema anzusehen. Transformationen verstärken Ungleichheiten zunehmend, weshalb geschlechtersensible Perspektiven und soziale Gerechtigkeit als zentrale Voraussetzungen für Prozesse verstanden werden sollten (Bündnis Gleichstellung Lausitz 2023).

Unsere Rolle in der Wissenschaft

Die Dynamik von Veränderungsprozessen in Wirtschaft und Technologie wird sich weiter beschleunigen und die Konfliktlinien, die sich derzeit abzeichnen, werden sich voraussichtlich weiter zuspitzen. Insbesondere Fragen von Ungleichheit, die häufig zulasten von Frauen gehen, werden durch patriarchale Führungsstile zu wenig beachtet, welche wirtschaftliche Erfolge priorisieren. In der letzten Zeit gab es mehrere Beispiele, die deutlich machen, wie tief geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit in der Gesellschaft verankert ist. Aktuelle Debatten zu den Fällen Pelicot oder Fernandes zeigen, wie eng Transformationsfragen mit Macht- und Gewaltverhältnissen verknüpft sind. Sie sind in alle gesellschaftlichen Strukturen eingeschrieben und spiegeln sich in unserem Alltag wider. Für uns als Wissenschaftler:innen bedeutet das eine umso größere Verantwortung, diese Entwicklungen kritisch zu begleiten und weiter an Themen sozialer Gerechtigkeit zu arbeiten.

Literatur

  • Bündnis Gleichstellung Lausitz (2023): Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel in der Lausitz. Positionspapier. URL: https://cottbus.de/verwaltung/ob/buero/beauftragte-der-stadt-cottbus/gleichstellungsbeauftragte/bundnis-gleichstellung-lausitz/.
  • Milbert, Antonia / Blätgen, Nadine / Porschke, Alina / Runge, Annika / Stürmer, Elisabeth (2026): Strukturwandel braucht Gleichstellung. Eine Sonderauswertung des Gender-Index für die Lausitz. BBSR-Online-Publikation 04/2026. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).
  • Pflücke, Virginia Kimey / Jacobsen, Heike (2023): Keine Zukunft ohne Kohle? In: PROKLA, Jg. 53, Heft 212, S. 515–535.
  • Salomo, Katja (2019): Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft. In: WZB Mitteilungen, Heft 165 (September), S. 10–12.
     
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